Weil du selbst der Schlüssel bist!

Zuhause, aber nicht zurück

Von

Jan 14, 2015 Selbstfindung , , 2 Kommentare

Ich habe lange den Rucksack nicht ausgepackt. Wollte nicht wieder ankommen, wollte noch auf Reisen sein. Frei und unterwegs.

Und dann, als ich ihn doch ausgepackt habe, weil mir Klamotten und so manche Utensilien für den Alltag fehlten, habe ich meinen Rucksack nicht in irgendeinen Kasten verstaut, sondern ihn griffbereit am Bett stehen lassen, so wie auf Reisen. Und dort steht er noch immer, leer und in sich zusammen gefallen und darauf wartend wieder gefüllt zu werden.

Ich weiß, das mit dem Rucksack war bloß eine kindische Geste, ein zum Scheitern verurteilter Versuch schon längst vergangenes Festzuhalten. Denn wahrlich, es ist bereits vergangen, in meinen Händen wie Sand zerronnen.

Meine sechs Wochen Freiheit, sechs Wochen planlos Reisen, sechs Wochen Abenteuer sind passé. Unwiederbringlich fort.

Und ich bin wieder dort, von wo ich aufgebrochen bin: Zuhause.

Auch wenn ich wusste, dass es so kommen wird, fehlt mir hier nun etwas, für das mir ebenso die rechten Worte fehlen, um es präzise formulieren zu können.

Eine Stimme in mir sagt: Da ist noch mehr. Da muss einfach noch mehr sein! Und die Sehnsucht dieses Mehr zu finden bringt innere Leere und Fernweh mit sich.

Hier bin ich gewissermaßen wie mein Rucksack. Leer und in sich zusammengefallen und darauf wartend wieder gefüllt zu werden. Vom Leben, von Abenteuern, von dem planlosen Reisen und den sich daraus ergebenden Begegnungen.

Diese klaffende Leere tief in mir lässt mich immer wieder zurück an jene Orte kehren, bei denen ich mich so leicht und lebendig gefühlt habe – wie vor meinem Aufbruch damals erhofft.

Und auch wenn meine Reise in Wirklichkeit zu Ende ist, geht sie im Kopf unaufhörlich weiter.

Die Sehnsucht einfach da raus zu gehen und die Welt zu entdecken ist enorm. Und wenn ich denn könnte, wäre ich bereits wieder fort.

Wieder zurück in Südostasien. Zurück in dieser gelassenen Atmosphäre, bei dieser familiären Herzlichkeit und heimeligen Wärme, und von dort möchte ich eine neue Entdekungsreise starten. Länger, intensiver, bewusster.

Aber das geht nicht so leicht, denn auf meiner Reise habe ich am eigenen Leib erfahren, was so viele Reiseblogger zu vertuschen und zu kaschieren versuchen.

Mit schönen Worten und paradiesischen Bildern lullen sie dich ein, erzählen dir, dass du nur da raus musst und schon regelt sich gewissermaßen alles von alleine.

Diese Reiseblogger erzählen schwärmerisch von ihren Erfahrungen und Reisen, und dass du das, was sie können auch ganz easy schaffen kannst, das Reisen für immer.

Enthusiastisch berichten sie davon, wie sie Monate oder gar Jahre nur aus ihrem Rucksack leb(t)en und wie minimalistisch das doch sei.

Aber genau hier ist der Hund begraben, denn was so feierlich klingt, das Leben aus dem Rucksack, ist nichts als leeres Gelaber. Würden sie ehrlich mit dir sein, müsste es heißen aus der Brieftasche leben und nicht aus dem Rucksack.

Und falls mir jetzt jemand widersprechen will, dann bitte, soll der mal nur eine Woche aus seinem Rucksack leben und er wird bereits am ersten Tag den Irrsinn darin erkennen, wenn es ihm beispielsweise an Essen fehlt oder spätestens dann, wenn er gemütlich schlafen oder sich kultivieren möchte.

Reiseblogger brauchen wie alle Geld, um (halbwegs westlich) zu leben – und um Spaß zu haben, wen wundert’s, dann noch mehr.

Da mein geplanter Vietnam-Trip letztendlich in Bangkok endete und nicht wie ursprünglich gedacht in Saigon (HCMC), war ich gezwungen meinen Flug umzubuchen. Doch ich hatte Geldnot. Meine Kreditkarte wurde nirgendwo akzeptiert und der Pin, um Cash abzuheben war mir nicht bekannt. Meine EC-Karte war am Limit und mein Konto beinahe leer – meine Mutter hatte mir übrigens während der Reise noch etwas überwiesen. Ich konnte nur darauf hoffen, dass meine Kreditkarte noch irgendwo funktionierte und dass ich noch etwas Cash aus den Taschen meines Daypacks puhlen könnte.

Draufgängerisch ließ ich mir mit dem Rest aus meiner Brieftasche ein Tattoo stechen und wusste nicht einmal, ob ich am nächsten Tag noch genug zusammen bekäme, um den Dorm zu bezahlen, geschweige denn ein Taxi zum Flughafen.

Ich war broke, pleite, einfach am Ende, und mitten in der Kao San Road.

Ich war ein Paradebeispiel für die Leben-aus-dem-Rucksack-Lüge. Und meinen Rucksack, den konnte ich bestenfalls verkaufen.

Will man reisen, braucht man Geld, so einfach ist das. Aus dem Rucksack heraus leben kann keiner. Nicht einmal ein krass downgeshifteter Minimalist, denn auch der lebt von seinem Einkommen, das er sich irgendwie erwirtschaftet.

Pleite und planlos wie ich war, hatte mich letztendlich nur pures Glück gerettet und ich konnte meinen Flug bei einer netten Reiseagentin umbuchen, wo ich obendrein noch eine günstige Mitfahrgelegenheit zum Flughafen ergatterte. Ich war gerettet und konnte wieder nach Hause – dorthin, wo ich eigentlich nicht hin wollte, aber aus Pflichtbewusstsein und Geldnot hin musste.

Der von schier allen Reisebloggern nobel gekürte Lebenstraum den ewigen Sommer zu leben, entspannt in der Hängematte zu schaukeln und in tropischer Wärme Cocktails mit bunten Schirmchen zu schlürfen, verblasst nach diesen Worten natürlich, das ist mir schon klar.

Aber ich will auch nicht den endlosen Sommer leben (oder dich dazu ermutigen), darum geht es mir nicht.

Ich will den endlosen Mad leben, will ich selbst sein, so wie ich eben bin, ohne einen Funken Scham oder Angst, und hier Zuhause sehe ich irgendwie keinen Weg das zu schaffen.

Ich weiß nicht wieso, aber da draußen schaut alles optimistischer aus. Dort scheint mir alles möglich zu sein. Alles greifbar.

Ich würde gerne wieder auf Reisen sein, weiterfahren. weiterfliegen, weiterkommen.

Hier Zuhause nämlich stehe ich still. Ich komme nicht vom Fleck, obwohl mir ja meine Zeit wie Sand durch die Hände rinnt.

Wie so oft, seit ich zurückgekommen bin, sitze ich jetzt auf meinem Balkon und sehe zu den nächtlich funkelnden Sternen hinauf. Ich stelle mir wieder einmal vor weit weck zu sein, wandernd, lachend, mit meinen Wünschen im Einklang. Gleite ab in all die fantastischen Erinnerungen meiner Reise, stelle mir neue Begegnungen vor, mögliche Fortsetzungen, wärmende Bilder in tropischen Gefilden und fühle mich wie damals leicht und grenzenlos.

Ich reise im Kopf, weil es mir aktuell im Leben nicht möglich ist.

Ich bin wieder lachend mit Peter in Angkor Wat, fasziniert den Naturspektakeln schauend am Strand in Kho Rong, wild feiernd in der Pub Street in Siem Reap, heiße Tränen weinend im Nachtbus nach Ninh Binh, angstvoll schnaufend auf dem Motorrad mit Danh, zuckersüße Küsse hauchend im Dorm in Sihanoukville, breit grinsend in der schaukelnden Riesenradgondel in Nha Trang und noch an vielen anderen himmlischen Orten.

All die Bilder meiner Reise wirbeln unfassbar viel Freude in mir auf und beschwingen mein Herz. Und zwischen all den schönen Bildern, die jetzt durch meinen Geist jagen, steht eines fest:

Ich will wieder da raus und dieses Mehr im Leben finden.

Will die mir fremdesten Flecken der Welt entdecken. Will zauberhafte Begegnungen machen, mein Herz weit öffnen und die Schöpfung feiern. Ich will auf Stränden schlafen und mich neu verlieben, will die unfassbare Vielfalt der Welt erleben, Meilen wie Momente sammeln, über den Wolken gleiten und vor Freude jauchzend das schillernde Leben spüren.

Das alles will ich und noch mehr. Da draußen in der Welt, fernab meiner Heimat.

Und ehe ich mich wieder vollends in zauberhaften Bildern verlieren kann, peitscht mir der Wind schneidend ins Gesicht. Ich blinzle meine tröstenden Traumfetzen weck, blicke in die kalte Winternacht hinaus und ziehe an meiner Zigarette.

Ich denke nach. Denke wieder an all die Orte wo ich war und jetzt sein könnte und was ich denn machen kann, dass ich mich nicht so zerrissen fühle.

Ich grüble über erklärende Worte für meinen Zustand nach und über diese drängende Sehnsucht, dass da noch mehr sein muss im Leben.

Und ja, ich will mehr als das hier, mehr als mein sogenanntes Zuhause, das mir, seit ich wieder hier bin, nur mehr befremdlich erscheint, sodass ich keinen Augenblick verstreichen lassen kann, um mich fortzuträumen, um mich in entlegene Erinnerungen und ferne Fantasiereisen zu stürzen.

Und auf einmal sind die lang ersehnten Worte da.

Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Ich möchte mir einreden, dass es die Kälte ist, die in meinen Körper kriecht, aber ich weiß es besser und was es ist, hebt meine Zerrissenheit auf ein ganz neues Level.

Denn ich bin wieder Zuhause.
Aber zurückgekehrt, das bin ich nicht.

 

Weltenstürmer Mad

Titelbild: Robert Martinez

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Kommentare

  • Sabrina
    Jan 15, 2015 at 1:08 Antworten

    mmhh.. ich sitze vor meinem Rechner und schaue auf das leere Kommentarfeld. Was schreibe ich dir zu diesem Artikel?

    Wild entbrannt wollte ich schon nach den ersten Sätzen schreien: „Jaaa, genau so geht es mir auch.“ (Denn auch mein Rucksack steht immer noch an meinem Bett. So, dass ich ihn sehen und mich daran erinnern kann, wo ich mit ihm war)

    Dann blieb ich mit aufgerissenen Augen an der Stelle stehen, an der du über die „Leben-aus-dem-Rucksack-Lüge“ schreibst.
    Ich finde es wahnsinnig mutig und ehrlich, was du dort in Worte fasst.
    In meiner Vorstellung ist es wahnsinnig nervenaufreibend, plötzlich ohne Kohle dazustehen, in einem fremden Land, weit ab von zu Hause. Es gibt sicherlich immer Möglichkeiten und Wege, aber das ist keine Situation, in der ich stecken möchte.

    Ich wünsche dir, dass du die Zeit, die richtige Situation und das nötige Kleingeld zusammen bekommst, um dorthin zurückzukehren.

    Aber ich wünsche dir auch, dort wo du jetzt bist, sein zu wollen und irgendwann auch wieder anzukommen.

    Toller Artikel, hat mich echt berührt.

    Sabrina

    1. Weltenstürmer Mad
      Jan 15, 2015 at 10:16 Antworten

      Hey Sabrina,

      danke dir für dein liebes Commie! Echt beruhigend, dass es nicht mir so geht. Und das mit dem Rucksack ist cool 😉

      Habe zu Beginn auch nicht darüber schreiben wollen, dass mir das Geld ausgegangen ist, weil die Situation ist einfach immer blöd, aber mein Wunsch authentisch zu sein erfordert das eben.
      An sich war es eine Erfahrung. Ob schön oder nicht, stellt sich meist erst später heraus – genau wie hier. Anfangs war ich geschockt, als meine EC-Karte nichts mehr hergab und ich meine Bargeldreserve nicht mehr fand. Ich glaubte mir wurde letztere gestohlen, was sich zum Glück als falsch herausstellte. Damit habe ich auch am Ende meine Ausgaben beglichen.
      Auch habe ich mit einigen Leuten, die ich in während der Reise kennengelernt habe, über meine Geldprobleme geschrieben und obwohl wir uns nicht gut kannten, haben mir alle ihre Hilfe angeboten. Das war auch der Grund, dass ich mir mit meinem (angeblich) letzten Cash ein Tattoo stechen habe lassen. Irgendwie fühlte ich mich aufgehoben und sicher – und das so weit weck von daheim. Für mich definitiv eine der besten Erfahrungen auf meiner Reise, denn dadurch bin ich gelassener und selbstsicherer geworden 🙂

      Was ich nun suche ist eine Möglichkeit länger und öfter zu verreisen und falls es keine gibt, so schaffe ich mir eine – http://anti-uni.com/traeume/ Rock ’n‘ Roll, yeah 😉

      Danke dir! Ankommen wäre schön… da ist auch schon etwas in Planung, Weltenstürmer verfolgt genau dieses Ziel.

      Greetz, ist schön von dir zu lesen,
      Mad

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