Weil du selbst der Schlüssel bist!

Wo bist du hin?

Von

Sep 23, 2015 Geschichten, Selbstfindung 6 Kommentare

Ich weiß noch, wie du sagtest „Nie überleb ich dieses Jahr.“
Letztendlich wurden es weitere zwei. Weitere Kämpfe.

 

El Nido, Palawan.

Ich sitze vor meinem Zimmer und denke nach.

Das W-LAN läuft nicht und schreiben kann ich schon längere Zeit nicht mehr. Die Nacht zieht auf und die Rauchfetzen meiner Zigarette werden vom Wind zerrissen.

Warum bin ich so spontan auf die Philippinen geflogen? Habe eine Woche vorher den Flug gebucht. Ohne Plan, ohne Vorwissen, ohne wirkliche Vorfreude.

War es denn aus Fernweh, aus der Sehnsucht nach Unbekanntem, nach Abenteuern?

Wollte ich lebendig sein?

Das Leben spüren?

Nein, dieses Mal nicht,  …jedenfalls nicht primär.

Viel mehr war ich abgestumpft und lethargisch, getrieben von einem unbestimmten Drang in mir, dass da noch mehr sein muss.

Und um ehrlich zu sein, bin ich nicht zu einer weiteren Reise aufgebrochen, sondern ich bin abgehauen.

Habe mir kurzfristig meine Urlaubstage vorverlegt und bin auf und davon, weil mir Zuhause alles zu viel wurde.

Und natürlich in der naiven Hoffnung ich könnte dich irgendwo wiederfinden.

Dich wieder sehen, ein Zeichen erhalten, dass du da bist. Noch immer. Irgendwo.

Ich sitze über meinem Notizblock und weiß nicht was ich schreiben soll, lasse die vergangenen Wochen vor meinem inneren Auge Revue passieren, trinke und rauche und starre wie versteinert auf das leere Blatt Papier.

Ich denke zurück,

denke daran, warum ich jetzt hier auf Palawan bin, allein unter dem Sternenhimmel sitze, obwohl ich doch feiern gehen könnte, das Leben auskosten, lachen und jubeln.

Doch dazu habe ich keine Kraft. Lethargie liegt wie ein schweres Tuch über mir, bin wie unter einer Glocke aus Trübsinn gefangen.

Innerhalb von einigen wenigen Tagen riss es mir den Boden unter den Füßen weg und alles, was mich einigermaßen im Leben hielt, war verschwunden.

Wenn es kommt, dann kommt es heftig.

Unglücke, Wendungen, Schicksalsschläge.

Ereignisse wie tiefe Einschnitte in den Leib meines Lebens, die mir klaffende Wunden schlugen. Bis runter auf die Knochen meines Weltbilds. Ich drohte auszubluten, drohte zu zerbrechen. Schon wieder. Aber dieses Mal mit erschreckender Vehemenz.

Die Gründe zu banal als könnten sie einem nicht ans Herz gehen:

Eine zuckersüße, aber letztendlich zum Scheitern verurteilte Liebe, die daraus wachsenden Komplexe, der Umzug meines besten Freundes und dann natürlich du…

Und ich weiß noch, als ob’s gestern war.

Wie ich Mama geholt habe, wie mein Bruder hereinstürmte, wie wir alle dastanden. Jeder für sich allein. Jeder bei dir. Jeder fassungslos, jeder überwältigt, jeder von Schluchzern durchrüttelt. Wie dann meine Schwester kam, aufgelöst und kreidebleich. Wie wir heulten, wie wir schnieften, wie wir uns vergeblich zu trösten versuchten.

Es sind Tage wie diese, wo ich mich zurück erinnere.

Zwei Monate ist es her. Da war alles noch in Ordnung. Halbwegs zumindest.

Und jetzt?

Sogar das Knistern der Worte ist fort. Gegangen mit dir.

Es wird wieder zurückkommen, das ist gewiss.

Doch du nicht.

Nie wieder.

Die Traurigkeit lähmt.

Tränen in den Augen. Tränen im Gesicht. Tränen im Bier.

Ich lasse es zu, lasse mich überschwemmen von einer mir nun fremden Welt, von Erinnerungen, von einem Leben, das zu Ende ging. Werde getragen von Bildern im Kopf. Hinaus in die sternenklare Nacht, die, wie sie so funkelnd und satt erscheint, mir wenigstens ein bisschen Halt gibt – und fast alles fort trägt, was mich belastet.

Barfuß spaziere ich durch die Gassen.

Auf eine Kneipe habe ich keine Lust. Unterhalten will ich mich mit keinem.

Wie kann sich das Leben so schnell ändern?

Wie kann alles so schnell zu Ende sein?

Zerbrochen und vom Winde verweht?

Und ja, alles ist weg. Ich aber bin hier und weiß nicht wie es weitergeht.

Und ich weiß, einer, der voll im Leben steht, würde nicht taumeln.

Ich jedoch, ich schwanke bedrohlich. Wohin würde ich nur zu gern selber wissen.

Alles ist schwerer, seit du weg bist. Alles dunkler. Wo bist du hin? Sag es mir, ich komme nach, das versprech ich dir. Muss nur wissen wohin, dann such ich dich.

Aber Stille.

Denn du sagst mir nichts, fast so, als du noch hier warst. Bist verschwiegen und geheimnisvoll.

Und dennoch glaube ich fest daran, dass du noch irgendwo bist.

Vielleicht nicht Zuhause und vielleicht nicht auf den Philippinen und bestimmt nicht unter diesem schweren Stein über dir, aber irgendwo da bist du noch.

Ich hoffe es und ich wünsch es mir so sehr.

Und nun stolpere ich in der Dunkelheit den Strand entlang. Bin müde und will stehen bleiben, aber irgendetwas in mir ist stärker. Ich fühle es regelrecht wie es mich antreibt. Und ja, ich bin angespornt weiter zu gehen.

Bin motiviert durch das, was es noch da draußen in der Welt zu entdecken gilt – möge es auch bloß in der Dunkelheit sein.

Ich stoppe, setze meine Stirnlampe auf und dann wandere ich weiter. Unter tausenden von Sternen, die alle so hell schillern, sodass sie ihre Grenzen überstrahlen.

Das Rauschen der Wellen beruhigt mich, der stete Lauf des Meeres lässt hoffen.

Nach Ebbe kommt Flut, nach Flut kommt Ebbe.

Und während ich so ziellos den Strand entlang gehe und über dich und die Welt sinniere, denke ich mir, das Leben ist wie das Wandern mit Stirnlampe in der Dunkelheit. Man weiß nie, was als nächstes kommt und trotzdem geht man weiter.

Man wandert vorwärts und sieht immer nur einen kleinen Teil davon, doch nie das ganze Bild. Und auch wenn so mancher kleine Teil davon brutal und scheiße erscheint, geht man weiter.

Man geht weiter in der Hoffnung, sie irgendwann vollkommen erfassen zu können, die Welt und all das Leben darin und dann hoffentlich das, was dahinter ist. Getragen von tiefem Vertrauen, dass das Leben wunderschön und grenzenlos ist und man dann irgendwann darin schillert, weit über seine Grenzen hinaus – so wie jetzt die Sterne über mir, schier unendlich weit.

Ich hoffe nur, du kannst sie auch sehen.

Egal, wo du jetzt bist.

 

Weltenstürmer Mad

Bild: Hernán Piñera

The following two tabs change content below.

Hallo, ich bin Mad und der Typ hinter dieser Seite.
Ich bin überzeugt davon, dass wir alle ein Leben in Fülle, Freiheit und Glück führen können. Wir müssen uns nur dafür entscheiden und bereit sein auch etwas dafür zu tun – und deshalb gibt es weltenstuermer.de.

Neueste Artikel von Weltenstürmer Mad (alle ansehen)



Kommentare

  • Norah
    Okt 14, 2015 at 0:13 Antworten

    Hallo Mad,

    „Man wandert vorwärts und sieht immer nur einen kleinen Teil davon, doch nie das ganze Bild.“ – der Vergleich des Lebens mit dem Wandern mit Stirnlampe in der Dunkelheit finde ich unglaublich passend. Auch sonst hat mich dieser Beitrag sehr berührt, danke für deine ehrlichen Worte.

    Ich habe das Gefühl, dass sich viele Blogger bei ihren Artikeln vor allem auf die schönen Dinge im Leben beschränken oder sich zumindest darauf konzentrieren. Leider ist mir das oft zu realitätsfern. Schlechte Tage, schwierige Lebensabschnitte, Verluste, all das gehört doch schliesslich zum Leben dazu.

    Ich wünsche dir ganz viel Kraft!

    LG Norah

    1. Weltenstürmer Mad
      Okt 14, 2015 at 18:44 Antworten

      Liebe Norah,

      vielen lieben Dank für dein Commie! Hat schon etwas gebraucht, bis ich darüber schreiben konnte und erst recht das Veröffentlichen, aber na ja, jetzt ist es raus und sehen kann es auch jeder.
      Das freut mich, dass der Beitrag berührt, so schreibe ich gerne 🙂

      Das kann sein. Insgesamt gilt das meiner Meinung nach aber in unserer ganzen Gesellschaft. Alle haben diesen Positiven-Gedanken-Wahn und irgendwie ist es nicht schicklich sich melancholisch zu zeigen. Macht man das, stimmt mit einem was nicht und man gilt als depressionsgefährdet. „Schlechte Tage, schwierige Lebensabschnitte, Verluste, all das gehört doch schliesslich zum Leben dazu.“ Eben, es gibt Ereignisse, die einen fröhlich oder eben melancholisch stimmen, ob sie schlecht oder gut sind, lassen wir mal dahingestellt 🙂 (Buddhismus lässt grüßen), aber ich weiß was du meinst.
      Mal so und mal anders. Das ist das Leben und ich schreibe es auf, so wie es mir vorkommt. In der Hoffnung es echt und authentisch festzuhalten.

      Dankeschön. Und dir auch alles Gute!

      Liebe Grüße,
      Mad

  • Katja
    Nov 17, 2015 at 15:17 Antworten

    Hallo Mad,
    ich habe deinen Beitrag gerade gelesen. Respekt davor, so viel Persönliches von Dir preiszugeben. Ich habe selbst vor ein paar Jahren einen lieben Menschen verloren. Danach habe ich mein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Den Gedanken, wie schnell es letztendlich vorbei sein kann und wie kurz das Leben ist, verdrängen die Leute lieber, weil es zu sehr schmerzt, wenn man sich seinen Kompromissen, die man täglich macht, gegenüber sieht.
    Dass die Leute sich lieber mit den Positiven -Dingen unterhalten lassen wollen, ist reiner Selbstschutz. Ich merke an mir, dass ich die vielen negativen Nachrichten gar nicht mehr aushalte und den Fernseher gar nicht mehr anmache. Eine Freundin sagte neulich: Jeder verträgt nur eine bestimmte Dosis Realität. Und wenn es zu viel Negatives gibt, mit dem wir täglich überschüttet werden, dann stumpfen wir einfach ab.
    Nur ein paar Gedanken von mir zu diesem Thema.
    Danke für diesen Beitrag.
    Liebe Grüße und alles Gute
    Katja

    1. Weltenstürmer Mad
      Nov 19, 2015 at 12:34 Antworten

      Hi Katja,

      danke dir, und ja, es ist persönlich, aber ich will ja authentisch sein und so… da gehört natürlich eine Portion eigenes Leben dazu.
      Selbstschutz schon, aber was ist mit dem Auflösen des Schmerzes? Verlangt er denn nicht gefühlt zu werden?
      Ein sehr schöner Satz da von deiner Freundin und wie wahr, den merke ich mir. Danke!

      Liebe Grüße,
      Mad

      1. Katja
        Nov 19, 2015 at 14:49 Antworten

        Hi Mad,
        natürlich muss Trauer zugelassen und Schmerz gefühlt werden.
        Da habe ich mich missverständlich ausgedrückt. Sorry. Es ging nicht, um einen persönlichen Verlust, sondern um die negativen Nachrichten, die uns täglich aus den Medien überfluten.
        Eigentlich bezog sich mein Post auf Norahs Eintrag. Wenn ich bedenke, wie wenig die Menschen früher (ohne die Massenmedien) von den grauenhaften Taten in dieser Welt mitbekommen haben, und was unsere Psyche heutzutage täglich einstecken muss, da kann man doch gar nicht anders, als abzustumpfen oder den Stecker zu ziehen.
        Bestes Beispiel ist das Attentat in Paris. Wie soll ein normal tickender Verstand damit klarkommen? Wie soll unsere Seele all den Schmerz täglich verarbeiten?
        Versteh mich nicht falsch, Mad.
        Ein persönlicher Verlust muss durchlebt, gefühlt und verbreitet werden. Eine Wunde heilt auch nicht unter einem Pflaster, die braucht frische Luft, um zu heilen.
        Aber wie kommt man mit der restlichen Realität klar, wenn man sich selbst nicht die Rückzugsmöglichkeit in die „heile Welt“ hin und wieder gönnt?
        Klarer ausgedrückt?
        LG und alles Gute für Dich,
        Katja

        1. Weltenstürmer Mad
          Nov 23, 2015 at 11:55 Antworten

          Hi Katja,

          danke für die nochmalige Erläuterung, da habe ich was nicht ganz verstanden 🙂 Oh ja, dazu will ich auch bald was schreiben. Die Informationsmengen, die täglich auf uns niederprasseln sind enorm und da bin ich ganz bei dir, dass man ganz bewusst mal den Stecker ziehen muss. Dinge nicht an einen heranlassen, weil sie einen belasten ist nur natürlich und dadurch Mediendiäten etc. zu machen finde ich auch okay. Bin ja selbst einer, der das so macht… andererseits ist es in gewisserweise eine Form des Eskapismus, der mich daran zweifeln lässt, ob diese Entscheidung auch wirklich die richtige ist. Wie überall gibt es mehrere Ansichten, was die richtige ist, ist wohl nur was subjektives. Am Ende kommt es nur darauf an, ob man glücklich ist 🙂

          Liebe Grüße,
          Mad

Hinterlasse einen Kommentar, ich freue mich darauf!

Like Weltenstürmer auf Facebookschliessen
oeffnen