Weil du selbst der Schlüssel bist!

Tanzt ihr Nutten - die Geschichte von Frank, dem Assi

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Jan 25, 2016 Inspiration 4 Kommentare

Die Nadeln hämmern in meine Haut, immer und immer wieder. Schon zwei Stunden geht das so, und jetzt, wo es direkt auf mein Schienbein geht, möchte ich am liebsten aufspringen und gehen. Doch ich muss noch einige Stunden durchhalten.

Zeit ist nicht Franks Stärke.

Seiner Schätzungen zufolge müsste mein Leg Sleeve schon seit der letzten Sitzung fertig sein. Doch noch einmal bin ich weit gefahren, um zeitnah einen Termin zu bekommen. Acht Stunden bis nach Wuppertal, um genau zu sein, zu einer kleinen zweitägigen Tattoo Convention nahe dem Hauptbahnhof.

Müde und leicht beschwipst sitze ich da und versuche mich irgendwie von den mir noch bevorstehenden Stunden abzulenken.

Bier, Gespräche mit vorbeilaufenden Besuchern und Tätowierern, Blicke in den Raum. Und hin und wieder greife ich nach Dingen, die auf Franks Tisch liegen, um sie einfach nur in meinen Händen zu drehen und anzusehen.

„Tanzt ihr Nutten, der König hat gute Laune“, lese ich, gerade den Schlüsselanhänger von Frank in der Hand und grinse darüber, wie assi dieser Spruch ist.

Wie assi, sich selbst als König zu bezeichnen. Erst recht, wenn es einer ist wie Frank, denke ich. Ein Mercedes-Schlüssel hängt ebenfalls mit am Bund und ich wundere mich, ob das denn auch ein echter Schlüssel ist und zu einem Auto führt. Bald sollte ich es erfahren.

Alle eineinhalb Stunden ist Pause und wir gehen an die Bar. Ich trinke Bier um die Schmerzen zu lindern und weil man das eben so auf Conventions macht und frage Frank die mittlerweile oft gestellte Frage, die da wäre, ob er mein Sleeve denn heute fertig bekomme.

„Alles wird gut“, antwortet er mit seinem Lieblingsspruch, und ordert zwei Jägermeister.

„Entspann dich“, schiebt er augenzwinkernd nach, während er seinen Jäger hebt und mir zuprostet.

Man möchte es nicht glauben, wenn man ihn so sieht, aber Frank hat es weit gebracht.

Und er hätte es noch viel weiter bringen können. Doch als es mit dem ganzen Fernsehanfragen und Szene-Magazin-Interviews losging, da wollte er nicht mitmachen. Auch die zu Dutzenden gewonnenen Messeauszeichnungen interessieren ihn nach einigen Jahren nicht mehr.

„Ich scheiß da drauf. Brauche die alle nicht als Bestätigung. Ein glücklicher Kunde reicht“, sagt er, wenn man ihn darauf anspricht.

Zurück am Platz reden wir nicht viel, er konzentriert sich aufs Stechen und ich trinke Jägermeister auf Eis, um mein frisch erworbenes Zungenpircing zu kühlen. Vier Stunden später sind wir die letzten im Raum. Frank tätowiert mich noch fertig und dann packen wir zusammen.

Wir fahren in die Stadt und gehen was essen. Am nächsten Tag treffen wir uns bei seinem Hotel, weil Frank sich bereit erklärt hat mich nach Köln mitzunehmen, da er sowieso runter nach Bayern zu seinen Eltern muss, wo sein Hund auf ihn wartet. Wir gehen zu seinem Mercedes und ich schmeiße meinen Rucksack in den Kofferraum. Frank dreht seinen mobilen Lautsprecher hoch, haut Metal-Mukke am Handy an und wirft den dröhnenden Speaker auf die Rückbank. Dann eine Zigarette in den Mundwinkel und wir fahren los.

Auf der Fahrt frage ich ihn nach seinem Lifestyle. Er redet über Freudenmädchen und darüber, dass sein peruanischer Geschäftskumpane nebenberuflich Zuhälter werden will, in Barcelona auf dicke Hose machen, mit zwei bis drei Nutten im Schlepptau.

„Ist Big Business. Ich kann dir welche besorgen, musst dich nur melden“, meint er. „Und die machen dir dann mit noch mehr Nutten dein Haus voll. Alles liebe Mädchen“ Er lacht. Und ich glaube ihm.

Frank war im Knast, hat Randale angezettelt, Leute verprügelt, Konzerte gestürmt.

„Meine Eltern sind Bonzen“, erzählt er. „Haben nie verstanden was ich mache.“ Doch heute lacht er darüber. Und seine Eltern auch. Sie verstehen ihn zwar nicht, sehen aber, dass er glücklich ist mit dem, was er macht. Das reicht ihnen und Frank ebenfalls. Denn Frank hat sein Leben in der eigenen Hand, hat seine Konflikte bewältigt, hat trotz all der Fehltritte den Weg ins eigene, unabhängige Leben gefunden.

Franks Freunde haben mittlerweile Familien gegründet, Haus und Hof gekauft und sich niedergelassen. Er nicht. Denkt gar nicht daran. Er will umherziehen. Will Zigeuner werden, erzählt er mit voller Begeisterung. Zieh-Gäuner, ziehender Gauner, wie er betont, und dabei will er mit seinem Hund in einem Bus zwischen seinen Studios herumpendeln und ab und an zu Freunden in die Slowakei, wo er sich einen Arm komplett covern lassen will. Bald verkaufe er seinen Mercedes und suche sich einen VW Transporter oder etwas dergleichen. Hauptsache eine Matratze hat Platz und er und Rocky haben es gemütlich.

„Zwischen Spanien und Frankreich durch den Wald fahren, an einen geheimen See campen, das wird geil. Und wenn ich keinen Bock mehr darauf habe, dann einfach wieder losfahren und saufen, ficken, oi! Eigentlich bin ich durch und durch Punk“, rekapituliert Frank, selbst über sein Fazit verwundert. Verstohlen schiele ich zum Schlüsselanhänger, der unter dem Lenkrad baumelt.

Klar möchte er eine Frau, erzählt er weiter, aber er will es nicht erzwingen.

Seine Ex war Vegetarierin, die Frank und seine Freunde unentwegt von ihrer Ernährung überzeugen wollte. „Das wurde auf die Dauer echt streng. Ich hab kein Bock auf diese Gemüsenazis“, Veganer und Veggies, die jedem ihren fleischfreien Lifestyle unter die Nase reiben und einem den Spaß am Leben nehmen wollen. „Sollen die machen, aber mich damit in Ruhe lassen. Echt. Manche bekommen einfach nicht ihren Stock aus dem Arsch.“ Unwillkürlich fühle ich mich angesprochen, denn im Gegensatz zum rigoros lockeren Frank bin ich zögerlich und angespannt. Immer und bei allem.

Frank geht es um Spaß. Er ist ein Lebemensch.

„Und wer das nicht ist, hat das Leben nicht verstanden“, meint er und weiß gar nicht, wie viel Weisheit in diesen Worten liegt – oder er weiß es genau und das Geheimnis ist, nicht darüber nachzudenken, sondern die Erkenntnis daraus kompromisslos in die Tat umzusetzen.

Deshalb hat er auch das halbes Gesicht mit Tentakeln und den ganzen Schädel mit einem Dämon und einer assi Bierdose tätowiert, kommt chronisch zu spät, sauft viel Bier und raucht auf Conventions zwischen den Kundenterminen seine Tüten.

Ja, Frank ist assig und er tritt auch so auf. Er scheißt drauf, was andere von ihm denken und verschwendet keinen einzigen Gedanken daran. Er hatte seine Lektionen im Leben und hat beneidenswert viel daraus gelernt. Und dann ist er eben für die einen ein Freak und Penner, für die anderen ein Nazi und Assi.

Ihm egal, denn Frank hat Spaß.

Er hat Spaß, weil er genau das macht, was er will. Denn Frank weiß, es ist sein Leben und er lässt sich von keinem sagen, was er zu machen hat und was nicht.

Er gibt 5.000 bis 6.000 Euro im Monat aus, erzählt er weiter. Eine Summe, die man erst einmal aufbringen muss. Sein Lebensstil ist teuer und unkonventionell. Jeweils eine Wohnung in Spanien, der Schweiz und in Deutschland, dazu noch seine Studios, sein Auto und das Benzin dafür, und natürlich sein Pitpull, den er nicht mit auf die Convention brachte, weil er erst vor kurzem am Bein teuer operiert worden war.

Doch das ist okay für Frank. Er will nicht sparen, sondern leben.

Und wird das Geld knapp wie aktuell, so macht er eben mehr Messen und mehr Studiosessions. Ausgebucht wird er so gut wie immer.

Durch Köln kurvend erzählt er mir, dass er auch schon hier gelebt habe. In Frankfurt ebenfalls. Rockergruppierungen spendierten ihm Zechen und Unterkünfte und wollten ihn schon mehrmals bei sich aufnehmen, doch Frank hat abgelehnt, er will sich für niemanden verpflichten, will frei sein und sein Ding machen. Kommt jemand auf seine Einstellung nicht klar, dann ist das okay und er soll sich einen anderen Tätowierer suchen. So einfach und unkompliziert ist das.

Wir sind da. Frank biegt in eine Seitengasse ab. Ich steige aus, hole meinen Rucksack aus dem Kofferraum und rufe nach vorne. „Danke und Tschau. Bis zum nächsten Mal.“

„Lass mal was hören, wenn du in Barka bist.“

„Ja, Mann, mach ich.“

Der Kofferraumdeckel knallt zu und Frank fährt los. Runter nach Bayern zu seinem Elternhaus, um Rocky zu holen, um dann wieder nach Spanien zu fahren, geile Motive zu stechen und das Leben zu leben. Sein Leben. Von dem er nur dieses eine hat. Und das er auskosten will. Ganz egal, was anderen von ihm und über ihn denken. Ihm schnuppe, solange sie ihn mit solchem Scheiß in Ruhe lassen. Damit er sein Leben vollzügig genießen kann, weil Frank ein Lebemensch ist. Einer, der es auf bewundernswerte Weise geschafft hat es zu meistern und seinen Platz in ihm zu finden. Dann ist er halt nicht konventionell oder politisch korrekt, hat einen dicken Ring in der Nase und auf und auf Tattoos am Körper, lässt sich öfter als gut volllaufen und genießt mit seinem Hund die eigene Existenz in den Wäldern zwischen Spanien und Deutschland – und falls nicht dort, dann irgendwo in der Slowakei bei seinen ziehenden Gauner-Freunden. Egal. Er fährt los, kommt an, fährt weiter.

Frank hat Spaß an seinem Leben und den lässt er sich nicht nehmen. Von keinem.

Während ich die Straße entlang zu meinem Hostel wandere und mir noch die Metal-Mukke in den Ohren rauscht, denke ich nach. Über Vorbehalte, Vorurteile und dem antrainierten Schubladendenken. Und wie Frank, wie viele andere auch, da komplett nicht reinpassen will. In keine der vorgezimmerten Schubladen der Gesellschaft.

Fast wiederwillig muss ich mir eingestehen, dass ich Frank bewundere. Denn ich finde jeder sollte so sein wie er. Jeder sollte sich trauen genau das zu machen, was er will und nicht, was die Gesellschaft von einem verlangt. Und jeder sollte darüber stehen können und sich nicht einschränken lassen von den Meinungen und Werten anderer. Denn ansonsten sieht man nie an den Boden der Dinge, sondern treibt immer an der Oberfläche. In der trüben Seichtheit des einfältigen Lebens. Und Gott bewahre, man käme nie zu Leuten wie Frank. Weil man sich von ihnen fernhalten soll, so die Lehre der Gesellschaft.

Ja, Frank ist ein Assi. Ein asozialer Sieger.

Er ist Herrscher über sein eigenes Leben, ist frei und unabhängig, ist König. Er ist einer jener seltenen Menschen, die mich mit ihrem Lifestyle inspirieren und mich zu sich aufblicken lassen. Eben genau so, wie man es zu einem König macht. Nur ist Franks Krone ein schreiender Dämon mit Tentakeln und geringeltem Ziegenhorn und einer Bierdose mit Totenkopf darauf, sein Königreich sind Tattoomessen, Bars, Hotels und die Straße, sein Hofstaat Gleichgesinnte und zufriedene Kunden, die er mit einem Stück seines Talents ziert und zufrieden stellt. Sein Zepter ist die Tattoopistole, seine Königsaura ein sorgenloses Grinsen, das er mit seinem Motto Alles wird gut nährt, und ansteckend gute Laune.

„Verdammt nochmal…“, lächle ich kopfschüttelnd in mich hinein und entspanne, “Frank ist ein König.“ Vielleicht sogar der beste. Aber auf jeden Fall der beste, den ich kenne. Und wir alle sollten uns ein Stück von ihm abschneiden. Den Stock aus unserem Arsch ziehen, uns locker machen und tief in uns den Gedanken pflanzen, dass alles gut wird und uns dann trauen unser Leben zu leben.

Denn genau das ist das einzig richtige.

Ein König hat es mir erzählt, einer den man nicht gleich als solchen erkennt, weil wir von Vorurteilen geblendet werden. Weil Frank in unserer Gesellschaft ein Assi ist. Ein Penner, ein Nazi, ein Freak. Einer mit einem Schlüsselanhänger am Schlüsselbund, dessen Spruch darauf treffender nicht sein könnte.

Denn Frank ist ein König.

Der beste, den ich kenne.

Und jetzt ihr Nutten… tanzt.

Tanzt ihr Nutten_Frank, der Assi

Weltenstürmer Mad

 

Namen abgeändert.
Bild: philippe leroyer

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Kommentare

  • Justine
    Apr 21, 2016 at 12:57 Antworten

    „Ein asozialer Sieger“
    Das gefällt mir und trifft den Nagel auf den Kopf. Da sieht man mal wieder wie unterschiedlich die Menschen doch sind und das sie alle etwas gemeinsam haben: glücklich sein macht glücklich.

    Liebst
    Justine
    http://www.justinewynnegacy.de

    1. Weltenstürmer Mad
      Apr 22, 2016 at 15:48 Antworten

      Hi Justine,

      danke fürs Vorbeischauen 😉 Sehr cool!

      Lg
      Mad

  • Fabian
    Jun 30, 2016 at 22:42 Antworten

    Richtig guter Text.

    1. Weltenstürmer Mad
      Jul 13, 2016 at 20:22 Antworten

      Hi Fabian,

      danke fürs Vorbeischauen, freue mich unglaublich! Toll, dass die Geschichte dir gefällt, macht mich schon ein wenig stolz 😉

      Liebe Grüße,
      Matthias

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