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Manila, die Hölle von einer Stadt - Teil 2

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Jul 9, 2015 Geschichten 2 Kommentare

Der nächste Tag schlägt mir wie eine Faust ins Gesicht.

Verschwitzt wache ich auf. Die Klimaanlage hat mitten in der Nacht ihren eh schon geringen Kühleffekt verloren, rattert nur mehr wirkungslos in der Lautstärke eines Tricycles.

Heute soll Intensivtour gemacht werden, verkündet Robert euphorisch.

Wir wollen Manila City besichtigen, die ursprüngliche Stadt, bevor ihre Gier auf Ausdehnung die 15 umliegenden Städte als Distrikte in sich einverleibte und dadurch zur heutigen Metropolregion Metro Manila heranwuchs.

Auf einer nahezu gleichen Fläche wie Hamburg leben heute mehr als 12 Millionen Menschen. Was das bedeutet, soll ich alsbald mit eigenen Augen erfassen.

Meine Rucksäcke lasse ich nach dem Check-Out an der Rezeption und Robert trägt unser Nötigstes in seinem Daypack. (Es ist sicherer, wenn ein Filipino die Wertsachen trägt.)

Als wir wieder durch die Straßen laufen, ist erstaunlicherweise der Abfall vom Vortag fort. Wohin, das sagt mir Rob.

Nämlich zu einem der vielen Smokey Mountains. Ein fast schon poetischer Namen für die gigantischen Müllkippen dieser Metropolregion. Es sind Abfallanhäufungen immensen Ausmaßes. Gewaltige Berge aus Milliarden(!) Tonnen von Dreck, die durch das tägliche Ankarren unzähliger LKW-Ladungen frischen Abfalls weiter Richtung Himmel streben.
Rauchende Berge heißen sie, weil immer irgendwo ein Feuer brennt und weil stetig die giftigen Ausdünstungen dieses verrottenden Müllhaufens wie eine Glocke aus Rauch darüber hängen.

Der aktuell größte Smokey Mountain, nordöstlich von Manila City, soll mehr als 30.000 Menschen beherbergen. Für all jene, die dort leben, sind die Tonnen von Müll die einzige Möglichkeit an Geld zu kommen. Die einzige Chance zu überleben.

Im LRT, der städtischen Bahn, fahren wir auf welligen Brücken durch die Viertel.

Schon gleich wird mir klar, dass in keiner anderen Stadt, von der ich weiß, die Kluft zwischen Arm und Reich solche Ausmaße hat.

Zwischen vollverglasten Wolkenkratzern wuchern rostzerfressene Blechdachquader, zusammengefasst in mehreren Hektar Squatter Camps, illegal besetzter Grund, wo die Ärmsten der Armen aus irgendwelchem zusammengestohlenen Schrott irgendwie Hütten hin improvisiert haben.

Knapp mehr als die Hälfte(!) der Bewohner Manilas soll in solchen Baracken hausen, Tendenz rapide steigend.

Für mich ein Bild des Schreckens. Für Manilaner auswegloser Alltag, denn einmal in einem Slum gelandet, haust man dort in der Regel ein Leben lang.

Und das ohne Licht, ohne Trinkwasser, ohne irgendwelche hygienischen Einrichtungen. Zwischen Abfallgruben und den eigenen Exkrementen, mit Kind und Frau und vor Existenzängsten zerfurchtem Gesicht.

Das Ganze ist ein Teufelskreis, die Leute arbeiten hart ohne je irgendetwas anzusparen.

Auf die hohe Kante legen können sie schlicht nichts, da der Tageslohn zum Überleben gebraucht wird. Jeder Peso wird restlos in Essen, Trinkwasser oder Kleidung investiert.

Oft auch in Hochprozentiges, das für kurze Zeit vergessen lässt, in welcher Hölle man gelandet ist.

Die Lebenserwartung eines manilanischen Slumbewohners soll bei 40-45 Jahren liegen (sic!). Eigentlich leicht zu behandelnde Krankheiten wie Tuberkulose, Durchfall und Entzündungen sind nicht selten das Todesurteil. Dabei ist es erschreckend, was einem alles zugemutet wird, wenn man kein Geld hat.

Aber das sind die Nebenwirkungen eines korrupten Staates und eines nach Wachstum gierenden kapitalistischen Systems.

Mittlerweile sind wir in Manila City angekommen und besichtigen als erstes eine Kirche, fensterlos und türlos und zwischen Markständen eingefasst. Sie ist angeblich für die dort geschehenen Wunder bekannt, doch die morgendliche Messe ist nur spärlich besucht. Auch hier strahlt wohl der Mammon heller als die monotone Litanei des Priesters, übertönen doch die Markstände vor dem Gotteshaus die morgendliche Predigt.

Dann gehen wir in die Kathedrale von Manila. Ein einziger Protzbau für den Allmächtigen, errichtet im wuchtigen, spanischen Stil von den erzkatholischen Conquistadores im 16. Jh. Die dicken Steinmauern sperren die Hitze aus und wir verweilen lange darin, schauen uns die verschiedenen Altäre an und lesen über lang vergangene Zeiten.

Im Fort Santiago, keine fünfzig Meter weiter, fahren wir in einer Kutsche durch die wohlerhaltene und aufwendig gepflegte Geschichte. Es ist eine wohlerhaltene Reministenz an die ehemaligen Besetzter, eine grüne Oase, eingefasst in ihren historischen Mauern, dem Viertel Intramuros.

Für mich ein befremdlich und künstlich wirkender Ort, denn gleich außerhalb davon fließt der Pasig River, der am verschmutzteste Fluss der Philippinen, vollgepumpt mit dem Dreck von tausenden und abertausenden Menschen. Ein Fluss, der schon in den 90ern als biologisch tot galt und heute mehr Gift als Wasser transportiert. Neben haufenweise Abfall und Algen schwappen ölige Kadaver an die Kanalmauer, oft erstickte Fische, manchmal ein Mensch.

Back on the streets gehen wir zum nahegelegenen Park. Er ist sehr ordentlich bepflanzt und sauber. Doch keine 500 Meter weiter ragen die verrosteten Krane des Hafens auf, wo sich Slumbewohner für 150 Pesos (ca. 2,90 €) am Tag 10 Stunden den Rücken krumm schuften.

Manila Port

Eine Situation von vielen, bei denen man diese unglaubliche Diskrepanz zwischen Arm und Reich vors Gesicht geklatscht bekommt.

Andere Auffälligkeiten sind die ständigen Kontrollen an Ein- und Ausgängen bei Supermärkten und Shopping-Malls. Überall sind Sicherheitsleute vor Geschäften, Hotels und Restaurants positioniert.
Gruppen von Wachleuten vor den Haltestationen des LRTs und die vielen Polizeiposten vor dem touristischen Intramuros regen zum Nachdenken an. Alle sind mit kugelsicheren Westen, Schlagstöcken, Pistolen, gekürzten Pumpguns und teils Teasern bestückt. Klare Indizien, die für eine hohe Gewaltbereitschaft der Stadtbewohner sprechen.

Logisch, denn grenzenloser Reichtum muss vor der Gewaltbereitschaft verzweifelter Armut geschützt werden.

Eigentlich ein allarmierender Zustand, aber es gibt keine Aussicht auf eine Lösung des Armutproblems. Im Gegenteil. Prognosen warnen vor der totalen Eskalation, denn die wachsenden Massen an Neuankömmlingen aus dem Restland der Philippinen fluten Manila, sprengen die eh schon kaum vorhandene Infrastruktur und machen eine nachhaltige Stadtplanung unmöglich. Die Korruption an der Spitze trägt natürlich ihr Übriges dazu bei.

Viele zugezogene Manilaner träumen von einem besseren Leben in der Hauptstadt, wollen Arbeit, eine Wohnung und eine Ausbildung für ihre Kinder.

Doch das ist nur der Traum. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Und die, die noch etwas Erspartes haben und nach einigen Jahren im manilanischen Slam nicht aufschließen konnten in die bescheidenen Reihen der Reichen (Mittelstand gibt es nicht), ziehen fort, in andere Städte auf Luzon oder in Städte auf anderen Inseln.

Aber für die meisten hier in Metro Manila, reicht das Geld nicht einmal für ein Bahnticket, geschweige denn um abzuhauen. Auch die Jobs reichen nicht für so dermaßen viele Leute. Gott verwirkt ihnen den Wunsch auf ein menschengerechtes Leben fernab dieser Hölle von einer Stadt. Ja, ich weiß, eine traurige Einsicht.

Nach weiteren Jeepney-Fahrten laufen wir wieder einige Straßen entlang. Ich will möglichst viel sehen und erkunden.
Unter zu tief gespannten Plastikplanen wimmelt es von Ständen. Die Hitze und die Abgase stauen und der ätzende Gestank nach Urin und Kot peitscht mich voran. Manilaner bieten schreiend ihre Waren feil, doch ich beachte sie nicht. Denn ich muss mich bücken um den Schmutz der Planen nicht in den Haaren zu haben, muss den mir entgegenströmenden Passanten ausweichen und dabei Robert nicht aus den Augen verlieren.

Der Schweiß rinnt mir den Rücken runter. Meine Hand liegt schützend am Geldbeutel.

In Marktgassen reihen sich die hölzernen Stände aneinander, alle anwesenden Filipinos starren mich an, manche grüßen freundlich, geben mir das erste Mal fast das Gefühl willkommen zu sein, doch das kann täuschen, ich bin auf der Hut.

Wieder in Quezon wechseln wir das Hotel. Keine 200 Meter vom alten entfernt, haben wir ein günstigeres Zimmer gefunden, inklusive moderner und einwandfrei funktionierender AC.

Ich schultere meinen Rucksack und gebe Robert mein Daypack mit all meinen Wertsachen. Die Straßen sind vollgestopft und Robert drängt eine Schneise durch die Einheimischen auf dem Bürgersteig. Ich folge dicht auf.
Kinder mit schmutzigen Gesichtern ziehen an meiner Hose, verlangen: „Money, sir. Money, sir Americano.“ Ich ignoriere sie, genau wie Robert gesagt hat, verbiete mir strikt stehen zu bleiben und den trauerdurchtränkten Augen nachzugeben.

Bei einer der Überführungen müssen wir uns dann an Filipinos regelrecht vorbeiquetschen, beanspruchen doch die ganzen Stände den meisten Platz auf den Gehwegen. Ellenbogen, Hüften und mein Backpack stoßen immer wieder auf vorbeigehendes Volk. Ich drängle mich voran, um Robert im Getümmel nicht zu verlieren.

Dann knallt es eingei Male laut genug um es von den ratternden Zweitaktern unmittelbar neben uns auf den Straßen zu unterscheiden.

Manche drehen sich ruckartig um, schauen verwirrt um sich.

Erschrocken ziehe ich an Robert, stiere in fassungslos an. Er bedeutet mir weiter zu gehen, zieht mich regelrecht vorwärts.

Und im Hotel bestätigt er mir, was ich längst vermutet habe.

Schüsse, wohl keine zwei Straßen weiter.

Und dann mache ich eine Entdeckung, die mich noch mehr stutzen lässt: Ein Schnitt zieht sich quer durch das untere Fach meines Backpacks. Jemand hatte mir bei helllichtem Tag und auf offener Straße den Rucksack zerschnitten, wohl mit der Illusion im Kopf ein paar Euros könnten herausfallen. Oh, du krankes, kriminelles Manila!

Während ich völlig erschöpft von der drückenden Hitze und all der Lauferei wieder im Bett liege, denke ich nach.

Über die Stadt, über die Menschen, über ein Leben fernab meiner schlimmsten Vorstellungen.

Wie soll die Zukunft einer solch zerklüfteten Stadt aussehen?

Wird das Volk rebellieren, alles niederreisen?

Oder lässt sich die Mehrheit der Manilaner von Korruption und Ausbeutung weiterhin zu Tode knechten? Sich in den Dreck diktieren, wo sie zusammen mit Ratten und Kakerlaken ums Überleben kämpft, ihre Kinder großzieht und dann irgendwann stirbt. Viel zu früh, viel zu arm, viel zu menschenunwürdig im Abfall der grenzenlos reichen Kapitalisten.

Und wird die Kriminalität weiterhin steigen?

Und wird dann ein Tourismus noch möglich sein?

Und wird mir beim nächsten Mal auf den Straßen Quezon Citys die Kehle, anstatt des Rucksacks aufgeschnitten? Oder werde ich gar erschossen? Einfach so, weil ich weiß bin, auf offener Straße und bei helllichtem Tag?

Die Aufschrift eines T-Shirts, das ich am Nachmittag an einem Jeepney-Fahrgast gesehen habe, fällt mir ein.

„Blessed by Pope Francis, January 2015“, stand da drauf.

Und ja, Father Francis, wie sie ihn hier liebevoll nennen, hat diesen Ort nicht gemieden, Gott soll auch hier irgendwo wirken.

Unvorstellbar, bei alledem, was ich mittlerweile über Manila weiß und hier erlebt habe.

Aber vielleicht traut sich Gott aus seinem großen und schönen Haus auch nicht raus oder übersieht all das Elend mit seinem weitschweifenden Blick. Oder schlicht all der Smog und Dreck verwirkt ihm die Sicht.

Denn das Gute wiegt all die Scheiße hier nicht auf. Niemals. Und niemals will ich dich wiedersehen Manila, du Hölle von einer Stadt! Aber Gott verwirkt auch mir diesen Wunsch, denn von hier flieg ich ab – doch ich schwöre, das erste und das letzte Mal.

 

Weltenstürmer Mad

Bilder: n2toma

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Kommentare

  • Urs
    Jul 9, 2015 at 20:00 Antworten

    Fantastischer Bericht. Ich hab mich nie an das Thema Manila rangewagt. Deswegen bewundere ich dich um so mehr. Kleiner hinweis am Rande. Der RMT heisst LRT. Low Rail Train. Aber egal, deine Zeilen sind so oder so super interssant.

    1. Weltenstürmer Mad
      Jul 10, 2015 at 10:44 Antworten

      Hey Urs,

      danke dir! Da waren einfach so viele Eindrücke, ich musste dazu was schreiben! Deshalb ja noch dazu ein Zweiteiler (und gekürzt wurde auch ziemlich viel) 😉

      Wie bereits erwähnt, auf deine Eindrücke würde ich mich echt sehr freuen, insbesondere die schönen, da ja mein Eindruck von Manila schon recht deprimierend war. Auch deine Einschätzung, wie es weiter geht mit dem Wachstum der Stadt und den Slums wäre interessant, habe mich durch viel Material gewühlt und finde es mehr als erschreckend, was da alles prognostiziert wird.

      Oops, da habe ich was beim Recherchieren falsch vestanden, dachte RMT und LRT ist das selbe -.- wird ausgebessert, danke dir!

      Lg
      Mad

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