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Manila, die Hölle von einer Stadt - Teil 1

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Jun 30, 2015 Geschichten 10 Kommentare

Hoch aufragende Plattenbauten sind zu sehen, dann Autobahnen, Straßenläden und einige himmelstrebende Häuserreihen. Es wird dichter auch auf den Straßen. Wir nähern uns dem Zentrum Metro Manilas, der Hauptstadt der Philippinen.

Eine kleine Gruppe Schwuler und Ladyboys hat mich aufgenommen, wie im Bus nach Baguio bin ich auch jetzt der einzige Tourist aus dem Westen. Wir chatten miteinander, jeder von seinem Smartphone aus, und das, obwohl ich gleich hinter ihnen sitze.

Was habe ich alles schon gesehen? Wo gehe ich hin? Wo komme ich her? Wie gefällt es mir auf Luzon?

Ich werde zugeballert mit Fragen, beantworte sie drei- bis vierfach, denn jeder will dasselbe wissen.

Ab und an schaue ich aus dem Fenster. Der Mond schleppt sich müde über den fahlen Himmel, ist eine blutende Scheibe zwischen grauen, tiefhängenden Nebelschwaden.
Werbeschilder versprechen die schönsten Urlaubsresorts auf südlicher gelegenen Inseln. Absurd dass sie auf heruntergekommenen und verschlissenen Kondominien hängen und über den verrosteten und improvisierten Blechhütten der Armen aufragen.

Dann rollt der Bus in Cubao ein. Endstation.

Als wir aussteigen ertränkt mich sogleich die Hitze des philippinischen Sommers. 32°C noch immer, um halb 10 Uhr abends! Es ist stickig und schwül. Mit einer Luftfeuchtigkeit von knapp 70% und der massiven Luftverschmutzung fällt es schwer zu atmen.

Robert sollte auf mich warten, stattdessen warte ich nun auf ihn.

Roy versucht mich mit Liana zu verkuppeln, will nichts wissen von einem philippinischen Bekannten, der mich abholt. Verlegen lächle ich dem scheu blickenden Ladyboy zu, während ich nochmals Rob anrufe. Dann verabschiede ich mich mit Ausreden und einem beiläufigen Händewink und gehe in den Warteraum, denn ich will fort von dieser Truppe und auch aus dieser Stadt. Will nicht die einzige Langnase in einer so zwielichtigen Metropole sein.

Aber trotzdem bin ich hier.

Und gewarnt hat man mich auch: „scams and rubbery, knifes and guns.“

Manila City soll unter den gefährlichsten Orten der Welt auf den vordersten Plätzen ranken, ist sie doch laut Statistiken die bevölkerungsdichteste Stadt unseres Planeten und von Armut und ausbeuterischer Gier zerfressen. Zudem wird sie regelmäßig von Monsunen, Taifunen und Überschwemmungen gebeutelt.

Nicht gerade gute Kriterien für einen Ort, um Urlaub zu machen.

Nach ewigem Durchklingeln geht Robert endlich ans Handy, er war die Preise der nahegelegenen Hotels checken und wäre nun in der Busstation. Drei Minuten später steht er vor mir und erklärt mir seinen Plan.

Als wir auf die Straße rauslaufen scheint es nochmals stickiger und heißer. Jeepneys rattern vorbei, Tricycles verpesten die Luft und Busse hupen wild durcheinander. Ich laufe von dreckigem Beton umgeben hinter meinem Filipino-Freund her, soll lächeln und niemals stehen bleiben. Auch hier ist weit und breit kein Tourist zu sehen.
Alle passierenden Filipinos starren mich an. Bin wie ein Alien , eine sonderbare Erscheinung, ihnen so erschreckend fremd und verschieden: Blauäugig, blond und weiß; Bart, Tattoos und Haarschnitt verstärken meine Auffälligkeit.

Ich bin ein Exot in einem exotischen Land in dem man am besten nicht auffallen sollte.

Im Laufen reden wir kaum, Robert ist darauf bedacht, so schnell wie möglich durch die Leute zu kommen. Ich versuche Schritt zu halten, während der Schweiß mir in den Hemdkragen perlt.

Erschöpft keuche ich eine Überführung hoch. Sie ist komplett mit Ständen bestellt, die gerade schließen: Standbetreiber räumen ihre Produkte in durchlöcherte Plastiksäcke und klappen einige Bretter hoch, dann kriechen sie unter die Ausstellungflächen in den Schmutz zu ihren Angehörigen. Sie sind auf der Überführung Zuhause, erfahre ich. Arbeiten, wohnen und leben hier. Mitten auf einer Betonbrücke über einer der massiv befahrendsten Straßen Quezon Citys.
Ehe ich darüber weiter nachdenken kann, zieht mir beißender Geruch von Urin und Abfall in die Nase. Und es wird noch schlimmer, als wir auf der anderen Straßenseite unter der MRT-Strecke weitermarschieren: Weitläufig verstreute Fischreste, gemischt mit Fleisch und Fäkalien, verströmen einen unerträglichen Gestank. Einheimische halten sich ein Taschentuch ins Gesicht, mir frisst sich der Gestank wie Säure durch die Atemwege und treibt mir Tränen aus den Augen. Ich will die Luft anhalten, will diese Penetranz nicht riechen. Stattdessen würge ich und halte die Kotze zurück.
Vor einem Shopping-Mall-Komplex strecken uns mit Kleidungsfetzen behangene Kinder und vor Schmutz kohlschwarze Bettler ihre verbliebenen Gliedmaßen entgegen, ihre Augen schreien vor Verzweiflung, doch ihre Münder bleiben stumm.

Die Armut hier macht aufmerksam und schockiert zugleich.

Immer wieder greife ich an meinen Geldbeutel, will mich versichern, dass er noch da ist.

Kaum 300 Meter sind wir mittlerweile gelaufen, dann biegen wir in einen Durchgang ab. Wir sind angekommen. Die Rezeption des Hotels ist gleich die Treppen rauf.

Unsere Unterkunft für die erste Nacht kostet 900 Pesos, dafür bekommen wir 10 Stunden in einem fensterlosen Zimmer mit ratternder Klimaanlage aus den 60ern und mit zweifelhaftem Kühleffekt. Wi-Fi und Fernseher und die Aussicht auf eine Dusche machen es erträglich, wir checken ein.

Während im Fernseher Werbung für Rexona, Pepsi, Hänchen in der Dose und anderem Quatsch läuft, erzählt mir Robert was es heißt Tourist in Manila zu sein. Er kennt Geschichten von Leuten, denen am Tag die Kette vom Hals oder das Smartphone aus der Hand gerissen wurde. Noch krasser: glitzernde Ohrringe vom Ohrläppchen oder wegen golden anmutenden Haarspangen büschelweise Haare vom Kopf.
Wir sind noch dazu im Distrikt Quezon, einer der krimellsten Orte der Metropole, wo Diebstähle von Handtaschen, Rucksäcken und Geldbörsen an der Tagesordnung stehen. Einhergehend mit Messerattacken und Schusswaffenbedrohungen, versteht sich.

Wer einen anspricht, der will einen abzocken, das gilt in Manila meistens.

Maschen um ins Gespräch zu kommen, darunter die verschiedensten Angebote wie Zeitungen, gratis Taxifahrten zurück ins Hotel und das Zeigen von exklusiven Restaurants und Sehenswürdigkeiten gleich um die Ecke dienen dem Einlullen und der Ablenkung, damit Komplizen (oder der „Werber“ selbst) an die Wertsachen kommen. Einmal auf diese Touristenfallen aufgesprungen, so hat man schon verloren.

„Bemerkst du es, lass dich bestehlen“, sagt mir Robert. Ansonsten hat man schnell ein Messer an den Rippen oder eine Pistole im Gesicht.

„Um dich zu schützen sei am besten mit einem Filipino unterwegs“, schiebt er nach und grinst, ob der Tatsache, dass ich mit ihm, einem gebürtigen Manilaner, durch die Straßen ziehe.

Und dann legt sich etwas Bedrückendes auf sein Gesicht und Rob erzählt mir von seiner Zeit in der Hauptstadt.

Er ist hier aufgewachsen und bereits mit 15 Jahren den verschiedensten Substanzen verfallen. Als er nach jahrelangem Drogenmissbrauch eines Tages in einem Krankenhaus erwachte, stand fest, dass er sein Leben ändern musste.
Viele seiner Freunde starben dank Cristal, Stone und Alk in den dreckverseuchten Gossen Manilas, doch Robert nahm Abstand, zog fort und gründete im Norden von Luzon eine Familie. Ihm geht es gut heute, er gehört zu den Reichen hier auf den Philippinen, hat alles, was sich andere erträumen.

Gott hat ihm aus dieser Hölle von einer Stadt geholfen,

wie er Manila abfällig betitelt.

Er hat es geschafft den Moloch aus Dreck und Gestank zu verlassen und in eine menschenwürdige Gegend zu ziehen.
Rob seufzt und sagt, dass die meisten, die in Manila leben, nichts anderes wollen, als diese Hölle von einer Stadt für immer zu verlassen. Eben genauso wie er es tat, denn:

Ein gutes Leben in Manila ist eine Illusion, ein geplatzter Traum.

Für die meisten jedenfalls.

Und dennoch ziehen Jahr für Jahr für Jahr dauernd mehr Filipinos in die Hauptstadt.
Die Illusionen in den Köpfen sind zäh und die Gerüchte es in der Stadt zu schaffen halten sich hartnäckig auf dem Land.

Robert geht rauchen und ich recherchiere im Internet über das Elend Manilas. Ich lese von bewohnten Müllhalden, von Fledermausmenschen, vergiftetem Grundwasser, umzäunten und bewachten wohlhabenden Wohnvierteln und von Anschlägen auf korrupte Machthabende, und allmählich wird mir bewusst, wie es hier zugeht und was es für die Großzahl der Manilaner heißt hier zu leben.

Ich wälze mich in mein sauberes Kissen und denke an die bettelnden Kinder, die verstümmelten Mittellosen und die Marktstandbetreiber auf der Überführung, an denen ich gerade eben vorbeigelaufen bin.

Haben sie genug zum Überleben?

Und finden Sie denn auch nur einen einzigen Moment der Ruhe zwischen all den ratternden Motoren?

Und können sie denn irgendwann diese Hölle von einer Stadt verlassen? Um dann ein besseres Leben zu beginnen, ohne Dreck und Gestank und Lärm um sich herum?

Betrübt schlafe ich ein.

 

Weltenstürmer Mad

Bild: Goya Bauwens

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Kommentare

  • Urs
    Jun 30, 2015 at 20:14 Antworten

    Yo Mad. Sehr schön geschrieben. Deine Eindrücke kommen ech gut rüber wie es so ist in Manila. Leider ist alles so ziehmlich wahr. Ich habe noch nicht getraut, aus eben diesen Gründen, einen Artikel über Manila zu schreiben. Wenn es aber trotzdem mal raus muss möchte ich aber auch über die Guten Seiten von Manila schreibe…die gibts auch 🙂
    Greez
    Urs

    1. Weltenstürmer Mad
      Jul 1, 2015 at 9:50 Antworten

      Hi Urs,

      danke fürs Kommentieren 😉
      Leider ist die Realität in Manila für viele Menschen alles andere als zauberhaft und es schockiert auch echt, wenn man die miserablen Lebensverhältnisse von so vielen Leuten mit eigenen Augen sieht. Natürlich wäre es nochmals krasser, wenn man zu Smoky Mountains und direkt nach Tondo fährt, aber dafür fehlte mir die Zeit und ehrlich gesagt bin ich nicht so der Fan von Human Zoos oder insgesamt Zoos. Aber vielleicht bist du ja dort gewesen und kannst meine Meinung relativieren, auch weil ja die Tourkosten direkt an die Bewohner gehen.

      Würde ja gerne auf deine Seite schauen, wann bist du wieder online? Und bitte schreib mal über deine Eindrücke über Manila, würde mich echt interessieren! Besonders die guten Seiten, die ich so gut wie gar nicht gesehen habe.

      Liebe Grüße,
      Mad

  • Ernesto
    Aug 31, 2015 at 19:23 Antworten

    Hi Mad,
    ganz schön krasse Erfahrung und auch eine sehr harte Realität, die du in Manila erlebt hast und uns hier schilderst. Auch die krasse Vergangenheit von Roberst spricht für sehr harte Lebensbedingungen.
    LG Ernesto

    1. Weltenstürmer Mad
      Sep 7, 2015 at 13:45 Antworten

      Hey Ernesto,

      danke fürs Commie 😉 Na ja, so waren meine Erfahrungen und so ist es eben in Manila. Bestimmt nicht überall aber auf der „Straße“ schon…

      Liebe Grüße,
      Mad

  • Julia
    Okt 10, 2015 at 19:32 Antworten

    Hey Mad, du hast es so so gut und krass beschrieben.
    Ich kann so gut nachempfinden, was du gesehen, erlebt und gefühlt hast.
    So habe ich die Stadt auch erlebt.
    Diese Hilf- und Ausichtslosigkeit ist einfach schlimm zu ertragen.
    Lieber Gruß, Julia

    1. Weltenstürmer Mad
      Okt 12, 2015 at 12:54 Antworten

      Hey Julia,

      ja aber echt… Andererseits erkennt man sein eigenes immenses Glück durch diesen gewaltigen Unterschied. Ist mir schon sehr ans Herz gegangen, dass Menschen so leben müssen.
      Hast du auch was über Manila geschrieben? Deine Erlebnisse würden mich sehr interessieren, vielleicht gibt’s ja auch Schönes dort 🙂

      Liebe Grüße,
      Mad

  • Julia
    Okt 12, 2015 at 14:07 Antworten

    Hey Mad,

    habe erst gestern über Manila geschrieben. Hier findest du es: http://glaubensreise.de/philippines-wenn-es-dunkel-wird/

    Gruß, Julia

    1. Weltenstürmer Mad
      Okt 13, 2015 at 9:22 Antworten

      Oh, danke Julia, das schau ich mir gerne an 🙂

      Liebe Grüße,
      Mad

  • jasmin
    Mrz 5, 2016 at 19:35 Antworten

    War bereits ein paar mal in Süd-Ost-Asien unterwegs – Manila und die Philippinen sind Teil meiner nächsten Ziele.

    Ich werde mich wahrscheinlich eher in den Touristen-gebieten aufhalten, trotzdem finde ich deinen Erfahrungsbericht (und die Schilderungen von Robert) sehr interessant!

    Danke dafür, dass du deine Erlebnisse hier so eindrucksvoll schilderst.

    Grüße,
    Jasmin

    1. Weltenstürmer Mad
      Mrz 8, 2016 at 10:06 Antworten

      Hi Jasmin,

      gute Idee sich in den Touristenorten aufzuhalten, habe ich auch mehr oder weniger, bspw. El Nido ist ja die Touristenhochburg schlechthin… und auch dort war ich nicht gerade mit Glück gesegnet – http://weltenstuermer.de/el-nido-kein-sommernachtstraum/ Aber auch Rob meinte, ich hatte einfach Pech bei diesem Trip 🙂 Also don’t worry!
      Vielleicht willst du ja auch einfach Manila überspringen – was sehr viele machen – und nach und von Cebu City fliegen. Auch fahren viele nur mit Taxis oder Bussen durch Manila, sodass sie praktisch nie so wie ich unmittelbar auf den Straßen unterwegs sind.

      Danke, dass dir mein Bericht gefällt, hoffe dein Trip wird schön!

      Liebe Grüße,
      Mad

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