Weil du selbst der Schlüssel bist!

Liegen bleiben, nicht aufstehen

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Jul 14, 2016 Geschichten, Selbstfindung 5 Kommentare

Ruhelos wälze ich mich in meinem Bett umher, bin müde, niedergeschlagen, will nicht aufstehen. Sonnenstrahlen kriechen mir über das Gesicht. Meine Augen sind verklebt, der Blick trübe und verschwommen, fast so wie die Nacht davor. Und dann das unerträgliche Dröhnen in meinem Kopf. Ich ziehe die Decke hoch, vergrabe mich im Kissen. Einen klaren Gedanken kann ich nicht fassen, alles ist zerstreut, alles dreht sich. Der fahle Geschmack im Mund erinnert an Wein und Bier und an weltverlorene Küsse mit viel Zunge und noch mehr Rauch. Bilder drängen sich ins Bewusstsein. Berührungen, Gerüche, Gelächter. Alles dreht sich. Ich falle. Dann schwarz.

Wie kann das gehen, frage ich mich bevor ich wieder vollkommen wegdrifte, wie konnte ich gestern noch Held sein, zu allem im Stande, und jetzt resigniere ich schon vor dem Aufstehen?

Das war vor rund vier Wochen. Heute ist es anders…

Bleierne Müdigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch meinen Alltag. Ich bin müde. Manchmal bereits nach dem Frühstück, immer am Nachmittag. Bin so müde, dass ich mich am liebsten einige Stunden nach dem Aufstehen gleich wieder hinlegen möchte. Und das, obwohl ich am Vortag nicht spät schlafen ging oder gar feiern war.

Ich meine, ich als Twentysomething sollte doch voll im Saft stehen, vor Lebenskraft nur so strotzen, jeden Tag da raus gehen und die Welt aus ihren Angeln heben, was leisten, leben, meine Träume angehen. Stattdessen bin ich müde und niedergeschlagen und irgendwie nicht so recht dabei.

Lange habe ich nichts mehr geschrieben, nicht nur hier auf Weltenstürmer, sondern insgesamt. Die Zeit habe ich in mich selbst gesteckt, habe mich mal selbst beobachtet, geschaut was mit mir los ist und nachschauen lassen, was mir fehlte und fehlt, denn irgendetwas stimmt nicht mit mir, das war und ist offensichtlich der Fall. Lange schon stimmt etwas nicht. Schon über fünf Jahre lang, wohl eher zehn.

Es ist so leicht sich in etwas zu verlieren. So leicht, das zu machen, was man schon jahrelang so gemacht hat, ohne zu hinterfragen, ob es so gut ist wie es ist. Doch irgendwann kommt der Zeitpunkt und es ist Schluss.

Nach unzähligen Eskapaden und der x-Hundertsten durchgezechten Nacht, mit allem was dazugehört, war mir eins klar: So kann es nicht mehr weitergehen.

Um mich nicht falsch zu verstehen, das war keiner dieser Gedanken, die einem während eines Megakaters befallen und am nächsten Tag ihre Gültigkeit verlieren wie “nie wieder Alkohol” oder “oh Gott, nie wieder Saufen”, nein, das war grundlegender, tiefgreifender.

Ehrlich gesagt hatte ich schon seit geraumer Zeit mit mir gerangelt, viele Zeichen missachtet, sie nicht sehen wollen, einfach weiter gemacht und um jeden Preis weiter machen wollen, bis… na ja, keine Ahnung. Vielleicht bis ich irgendwann kollabiere wie Deryck Whibley oder irgendwann durch irgendwas erlöst werde.

Doch heute weiß ich, das wird nicht passieren. Die Erlösung wird nicht einfach so kommen.

Und Alkohol und Co. helfen nicht. Sie verschlimmern nur. Sie lullen ein, benebeln, rauben die Sinne. Klar, für einige Stunden oder gar Tage kann man sich selbst entfliehen, sich über die Trümmer seines Leben erheben, sich leicht fühlen und schwerelos und endlich seine Träume angehen, und ja, in diesen Stunden weiß man, dass man es schafft, ohne Zweifel, ohne Schwere, ohne Anflug von Angst. Man ist Held und geht da raus die Welt retten, wie man es sich so oft als Jugendlicher mit seinen erhabenen Idealen und seinem unbändigen Enthusiasmus ausgemalt hat. Und im Rausch der Euphorie scheint es zu klappen. Sie liegt einem gar zu Füßen, die Welt, man muss nur zugreifen und man ist, was man schon immer sein wollte, ein Held.

Und man macht es, greift zu, doch dann… Absturz. Die Welt entgleitet einem, man selbst entgleitet sich. Das Wandern am schmalen Grat fordert Tribut.

Dann Aufprall. Rock Bottom.

Ich glaube es ja selbst kaum, aber vor rund einem Monat war ich genau dort. Am Ende. Am Boden.

Drei Tage brauchte es, bis ich wieder so halbwegs fit war. Nicht, dass ich mir eine Vergiftung angesoffen hätte, es wurde schlicht von Rausch zu Rausch immer schlimmer, bis die Symptome irgendwann unleugbar waren und ich die Handbremse zog, ziehen musste.

Unglaublich lange schon wollte ich über mich und Alkohol schreiben (man siehe hier in den Kommentaren), denn so richtig zusammengepasst, das hatten wir nie, egal wie viele Anläufe ich auch unternahm. Es mag komisch klingen, doch erst jetzt habe ich einen richtigen Grund etwas darüber zu veröffentlichen.

Nun ist Alkohol tabu. Leaky Gut, Silent Inflammation und Histaminose sei Dank. Dazu kommt noch Glutenunverträglichkeit und wen wundert’s erhöhte Leberwerte – und noch einiges mehr. Und genau das alles ist der Grund, weshalb ich mich so fühle wie ich mich fühle: Müde, niedergeschlagen, nicht so recht dabei.

Konkret heißt diese Diagnose: meine Verdauung ist im Arsch. Also muss ich strikt nach Vorgaben essen. Keine Pizza, keine Chips, keine Schokolade, kaum Rohkost. Genaugenommen kein Getreide, keine Hülsenfrüchte, keine Nüsse, keine Zitrusfrüchte, keine Konserven und das Wichtigste, kein Alkohol, da er als Histaminliberator krass die Symptome verschlimmert und gegen alles arbeitet, was Heilung verspricht. Da wäre auch noch mein Anspruch keine Tiere zu essen, was das Thema abwechslungsreiche Ernährung natürlich grandios einschränkt. Aber das lass ich mir nicht nehmen. Ich sage mir einfach, “andere schaffen es auch” und dann geht es mir schon besser. Halbwegs zumindest, denn echt, Bier fehlt mir schon sehr. Insbesondere, wenn es so warm ist wie jetzt, denn weiß doch jeder, Bier kühlt Körper und Geist. Oh Gott, und dann noch Festivalsaison und haufenweise Stadtfeste…

Ich habe mir ein Versprechen gegeben: Nicht aufgeben, sondern es durchstehen.

Jetzt heißt es also durchhalten. Es durchstehen, egal wie dreckig und mies es wird. Egal wie müde und niedergeschlagen ich bin. Ich muss standhalten, nicht nachgeben. Es aushalten und nicht mehr flüchten.

Alkohol ist seit meinem ersten Vollkontakt mit ihm als 15-jähriger Hänfling keine Option mehr. Jetzt muss ich Neuland betreten, muss mich arrangieren. Und vielleicht habe ich ja auch schon mit meinen 24 Jahren die mir zugeteilte Anzahl an Bieren aufgebraucht, vielleicht sind meine Stunden an Betrunkenheit auf Erden schon hinüber – ich habe sie mir nur schlecht eingeteilt, weil mir keiner sagte, dass es damit irgendwann zu Ende geht. Wer weiß das schon?

Jedenfalls ist es nun mal so wie es ist und komischerweise habe ich auf den Rest der ganzen Zerstreuungs- und Selbsttäuschungs-Maschinerie wie Drogen, Rauchen, Casual Sex, Soaps und Serien und sonstiges TV und die immer gleichen politischen Diskussionen auch keinen Bock mehr. Eigentlich habe ich vom Konsumverhalten eines Ottonormalverbrauchers inkl. dessen Alltag mit all seiner lähmenden Passivität die Nase voll. Eine Reise wird ebenfalls nicht so schnell mehr gemacht, denn auch das wäre das alte Muster – abhauen, wenn’s mal Probleme gibt.

Mein Geld geht jetzt in was langfristigeres: meine Gesundheit.

Jetzt wird so einiges umgekrempelt in meinem Leben. Ich muss Konsequenzen ziehen, muss mich entscheiden. Solange ich noch eine Wahl habe, will ich sie nutzen, daraus lernen und daran wachsen.

Ich muss den Schmerz und die damit einhergehenden Niederlagen und Enttäuschungen ertragen, standhaft bleiben wie ein Fels, und nicht wie ein Fähnchen im Wind gleich bei den ersten Schwierigkeiten und Zweifeln wieder abdrehen, in alte Muster verfallen, in die wohlbekannten Gewohnheiten flüchten und kurzfristigen Genüssen und dekadenten Höhenflügen den Vorzug geben; wieder den allgegenwärtigen Versuchungen nachgeben und alles für kurzweilige Wohlfühlmomente aufs Spiel setzen.

Nie und nimmer ist es das wert.

Jetzt muss das heutige Glück für das morgige geopfert werden. Und ich muss schauen, was mir auch wirklich gut tut, auf alles andere verzichten und konsequent dran bleiben – keine Ausreden, keine Auszeit, no day off! Auch wenn das heißt, dass ich vorerst leer ausgehe. Tage, Wochen, Monate. Egal. Nur so kommt Besserung, nur so kommt Erfolg.

Scheiß drauf wie sehr es mir in den Fingern juckt, wie sehr ich gelüste, wie sehr ich mich nach der süßen Zerstreuung winde und wie dreckig es mir deshalb geht. Ich. Halte. Durch. Denn all die Symptome meines Körpers sind Zeichen, dass ich etwas falsch gemacht habe. Es war höchste Zeit für Veränderung.

Das tat ich auch gleich nach der Diagnose und werde es auch weiterhin tun. Mich ändern.

Wo andere Party machen, denke ich nun an morgen und verzichte. Wo andere sich zulaufen lassen, trinke ich nun mein Wasser oder bleibe daheim. Und wo andere dann am nächsten Tag liegen bleiben, stehe ich auf und gehe da raus. Nein, nicht da raus die Welt retten. Denn auch das habe ich nach meinen Eskapaden und dem x-Hundertsten Rausch verstanden. Als Helden müssen wir nicht da raus gehen die Welt retten, die kommt schon irgendwie allein zurecht.

Als Helden müssen wir jeden Tag da raus gehen und uns selbst retten, denn sonst – traurig aber wahr – macht es keiner für uns, und auf die Erlösung warten wir auch dann noch, wenn wir tot sind. Tot aber bin ich noch nicht, sondern am Leben – vielleicht sogar so sehr am Leben wie nie zuvor. Trotz Müdigkeit und Niedergeschlagenheit und dem immer präsenten Gefühl nicht so recht dabei zu sein.

Weltenstürmer Mad

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Kommentare

  • Dila
    Jul 16, 2016 at 17:46 Antworten

    Hallo Mad,

    du schaffst das ganz sicher! Du bist stark.
    Alles Gute für dich und viel Kraft für diese schwere Zeit.

    Liebe Grüße,
    Dila

    1. Weltenstürmer Mad
      Jul 18, 2016 at 8:35 Antworten

      Hallo Dila,

      vielen Dank! Das werde ich auch. Es ist eine Chance, um mich zu ändern, besser und kraftvoller zu werden, und das werde ich 🙂
      Auch dir alles Gute und alles Liebe,
      Mad

  • Julian
    Jul 21, 2016 at 11:32 Antworten

    Kopf hoch – durch so etwas müssen so gut wie alle Menschen mal durch.

    Mir gefällt es sehr, wie positiv du dieser Herausforderung entgegentrittst und ich wünsche dir alles erdenkliche Gute!

    1. Weltenstürmer Mad
      Jul 22, 2016 at 14:27 Antworten

      Hi Julian,

      dankeschön! Macht Mut dranzubleiben 🙂

      Auch dir alles Gute und ganz viel Leichtigkeit im Leben,
      Liebe Grüße,
      Mad

  • Axel Horst
    Mrz 14, 2017 at 4:35 Antworten

    „Es ist keine Schande hinzufallen, aber es ist eine Schande, einfach liegen zu bleiben“ lautete die Devise von Theodor Heuss. Zum Glück liegt es in der Natur des Menschen, dass Zeit viele Wunden heilt und ihn in die Lage versetzt, wieder aufzustehen. Sehr schöne Geschichte!

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