Weil du selbst der Schlüssel bist!

Fear and Loathing in Da Nang

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Jan 2, 2015 Geschichten, Selbstfindung , , 0 Kommentare

Schon am ersten Abend war klar, dass das ein Party-Hostel ist. Jeden Tag und immer wieder.

Ich bin ein Partymensch und liebe es zu trinken. Auch gerne mal mehr als mir gut tut.

Sehr oft eigentlich, um ehrlich zu sein.

Ich glaube irgendwie daran, dass ich es schon irgendwann irgendwo am Glasboden einer Flasche Bier oder Wodka finde, das Glück. Und wenn nicht am Boden der einen, dann bestimmt am Boden der nächsten.

Und manchmal da klappt das auch. Dann gehört mir die Welt und ich fühle mich frei und auch wenn sie mir nach einigen weiteren Tropfen Alkohol wieder entgleitet, die Welt und die Freiheit und dann auch die Erinnerung daran, so gibt es da eine Geschichte, die es wert ist erzählt zu werden.

Denn sie handelt von alledem und viel Spaß noch obendrein und drei Troublemakern, die gerne die Grenzen der Normalität sprengen und mit unkonventionell kranken Aktionen andere – und vielleicht auch manchmal sich selbst – zum Stutzen bringen.

Und einer davon war ich.

„Willst du auch mit zum Pub Crawling, morgen Abend?“, fragte mich Emelie, der Travel Guide Guru des Hostels, wie sie sich selbst auf ihrem Namensschild nannte.
„Wir fahren nach Da Nang zum Riesenrad und zur Dragon Bridge, die am Wochendende Feuer speit, und zu vielen Pubs. Schlussendlich geht’s in die größte Disco Vietnams. Um 2am sind wir wieder hier.“

„Free Shots“, schaltete sich Phill, der Hostel-Manager, ein, „gibt’s im Bus dorthin. Wenn du heute buchst, noch ein Gratisgetränk obendrauf.“

„Sounds great! I’m in!“, habe ich begeistert geantwortet und die 10$ bezahlt.

Am nächsten Tag saßen wir wie immer vor dem Hostel am Gratisbier der Happy Hour und nachdem wir unser Bonusgetränk für die Tour abgeholt hatten, stiegen wir in den Bus und Phill ging die Namenliste durch.

Danach teilte er uns zum wiederholten mal die Regeln im Bus mit und das war es dann auch schon mit den Formalitäten.

Die Regeln im Bus waren denkbar simpel:
1. Nichts verschütten.
2. Nicht rauchen.
3. Nicht kotzen.

Keine 5 Minuten später hielt Phill eine Flasche Whiskey und ein Schnapsglas hoch und schrie aus voller Kehle: „FREE SHAAAAOOWTS!“

Alle im Bus jubelten und ich, da ich mir schon in den vorherigen Tagen einen Namen gemacht hatte, durfte beginnen.

Alle im Bus unterhielten sich wild und ich lernte nach einigen lustigen Gesprächen mit einer kleinen Gruppe an Frankokanadiern Knut und Tom kennen, zwei Freunde, die an diesem Tag im Hostel eingeckeckt hatten. Wir erzählten uns von absurden Situationen auf Reisen, lachten viel und schmiedeten Pläne für diese Nacht.

Als wir am Riesenrad ankamen, die erste Station am Abend, hatten wir schon einige Liter Bier intus und alle gingen mal aufs Klo. Als das erledigt war, torkelten wir mit einem weiteren Bier in der Hand in Richtung Rolltreppe, die zu den Gondeln des Riesenrads hinauf führte.

Spontan sprang ich mit Knut und Tom in eine Gondel und langsam ging es hoch hinauf.

Wir rauchten und tranken und staunten über die Aussicht.

Die beiden erzählten mir, dass sie sich letztes Jahr irgendwo bei Chiang Mai kennengelernt hatten und auf Reisen immer am Scheißebauen waren. Sie hätten angeblich auf Tuk-Tuk-Dächern im alltäglichen Verkehrschaos in Bangkok gesurft, wären halsbrecherische Jungle Ziplines runtergerauscht und hätten feucht-fröhlich gefährliche Autostunts miterlebt.

Irgendwann da stand Knut mit einem undeutbaren Grinsen auf und verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Und das immer wieder, während er munter an seiner Zigarette zog.

Unter besorgniserregenden Bedenken, wir würden das Ding aus seinen Angeln heben (können), aber mit viel Jubel durch den Alkohol in mir, stand alsbald auch ich auf, warf meine leere Bierdose in die Ecke und machte es ihm gleich. Der Effekt war klar ersichtlich und Tom krümmte sich auf der Bank vor Lachen.
Wir jubelten, schrien und fluchten, erstaunt über das massive Wippen.

Bald schaukelten wir so sehr, dass wir die anderen Gondeln unter und über uns sahen und wie die Leute von der Straße aus gehetzt mit ihren Smartphones Fotos von uns machten, während ihre Freunde mit ausgestrecktem Arm und offenen Mündern zu uns hochzeigten.

Wir drohten fast eine ganze Drehung zu machen und irgendwann, als wir wieder Richtung Boden fuhren, ließen wir uns lachend auf die Bank gleiten und warteten bis sich das Ding ausgependelt hatte.

Nur tat es das nicht.

Die vietnamesischen Aufsichtsleute, die uns zuvor freundlich in die Gondel geholfen hatten, schrien uns nun zu, wir sollten verdammt nochmal aufhören mit dem Schaukeln. Zwischen erstickenden Lachern schrien wir zurück, dass es bloß windig wäre, da oben, in so luftigen, vietnamesischen Höhen.
Sie fingen unser Gondel mit den Händen ab und als wir dann ausstiegen, beschimpften sie uns empört, schrien uns nieder und schickten uns aufgebracht Richtung Ausgang.

Uns war das egal, wir rempelten uns gegenseitig kollegschaftlich an und lachten nur umso mehr.

Zurück im Bus meinten alle, wie wir das Ding gerockt hätten, aber meine zwei neuen Freunde wunderten sich bloß, wieso kein anderer auf diese Idee gekommen war.

Dann ging es weiter zur Dragon Bridge und einem Pub dort: Alk-Pegel konstant erhöhen. Weitersaufen.

Der Pub war rammelvoll und man musste sich zwischen schwitzenden Leibern vorbeidrängen, um an den Bartresen zu kommen. Ich ließ die anderen mir ein Bier organisieren und flirtete währenddessen mit einer liebevollen Vietnamesin. Doch nach gefühlten 10 Minuten wollte Phill schon wieder zum Bus. Das Mädchen addete mich noch schnell auf Facebook und sagte, wenn ich nochmal in Da Nang wäre, sollte ich ihr schreiben. Ich wollte sie überreden in die große Disco mitzukommen und wollte noch bleiben und lustige Anekdoten zu meinem Besten geben, aber Phill kam zurück und scheuchte mich fort.

Nicht erwähnenswert, dass ich der letzte war, den er wie ein zurückgebliebenes Schaf vorwärts, hin zur Herde trieb.

Im nächsten Pub spielte Tom und ich gegen einen Vietnamesen Pool, ich war aber zu schlecht darin und mir wurde langweilig. Tom rockte das Spiel alleine und ich ging mit Knut zu einigen Mädels unserer Gruppe und weil sich herausstellte, dass eine Engländerin ihren Geburtstag nachzufeiern hatte und sie aus überschwänglicher Euphorie darüber, von einem impulsiven Durstdrang getrieben, einen ganzen Krug Orangenlikör bestellt hatte, da lud sie uns beide ein mitzutrinken. Bald stand ich hinter der Bar um ein Gruppenfoto zu schießen und weil ich schon mal da war, mixte ich mir selbst was zusammen, natürlich gegen den Willen der lustigen Barmädchen, aber solange man charmant ist, kann man viel reißen!

Und dann waren wir ready für die Disco.

Phill scheuchte uns wieder zum Bus und wir fuhren weiter.

Nicht einmal 10 Minuten und wir waren beim angeblich größten Club des Landes, dem Phuong Dong Nightclub. Am Eingang redete Phill mit einem halben Dutzend Security Guards, dann kam einer die Treppen herunter, der uns schließlich zusammen mit drei anderen seiner Sorte reingeleitete.

Wir trabten den dreien nach, die uns mit Taschenlampe den Weg leuchteten.

Uns wurden drei Tische auf einer leichten Erhöhung ziemlich zentral im Club zugewiesen, gesäumt von einer weiteren, höheren Ebene, von wo Vietnamesen gebannt auf die Bühne schauten, weil dort attraktive Viet-Girls im bunten Lichterregen tanzten.
Wir bestellten zwei Flaschen Wodka und einige Dosen Redbull und dann dancten wir ab und bestaunten die leicht bekleideten Tänzerinnen auf der Bühne, die synchron nach dem Beat twerkten, sich aufreizend drehten und wandten.

Zur Toilette ging es nur in Begleitung von Security Guards, zwei durchschnittlich großen Vietnamesen, und ich fragte mich wieso.

Auf dem Weg zurück zu unseren Tischen wollte ich die Grenzen austesten, nicht der langweiligen Norm folgen und vom roten Big Brother zu unserer Gruppe geleitet werden. Ich beschloss meinen eigenen Weg zu gehen, entkam den zwei Sicherheitsmännern und eilte auf die Galerie, die unsere Senke flankierte.

Ganz easy freigerannt, drehte ich meine eigene Runde im Club. Es dauerte nicht lange und ich war mit weltoffenen Vietnamesinnen in ein Gespräch verwickelt. Doch dann kamen zwei (andere?) Security Guards und geleiteten mich, unlogisch klingende Gründe äußernd, zur Gruppe zurück.

Eine neue Mission war geboren:

Big Brother entkommen, mit Locals saufen und plaudern und vielleicht mit einer Vietnamesin mehr als nur das.

Ich sippte am Wodka, blickte gewieft über den Rand des Glases hinweg und beobachtete meine neuen Feinde. Die Kontaktverhinderer in schwarzem Anzug, die uns permanent umstanden und bewachten.

Ich gönnte mir ein weiteres Glas Wodka als Proviant für meine Entdeckungsreise durch den Club und machte mich voller Motivation auf, das Ding zu rocken.

Alle Locals waren nett und nahmen mich gleich ins Gespräch mit auf, nur dauerte es nicht lange und die Security kam und scheuchte mich fort.
Ich stemmte mich dagegen, weil ich nicht verstehen wollte, warum das nicht geht, das Reden mit Locals, wollten sie es doch offensichtlich auch und war es ja sonst in keinem von mir zuvor frequentiertem Club oder Pub ein Problem.

Nach zwei oder drei weiteren Tischen und somit Versuchen es trotzdem zu machen, zerrten mich drei Guards Richtung Ausgang – Kommunismus lässt grüßen! Ich riss mich los und stürmte zur Bühne, wo all die Mädchen in sexy Choreografie nach irgendwelchen Chartsongs tanzten. Aber auch hier verweilte ich nicht lange und schlussendlich wurde ich unsanft auf die Straße manövriert.

„Reinkommen is nicht mehr“, meinte ein fetter Vietnamese, der sich vor mir wie ein wütender Gorilla aufgebäumt hatte. Als er sah, dass ich keine Reaktion zeigte, schubste er mich in die Fahrbahn. Einer meiner Flip Flops brach bei dieser Aktion und so musste ich wohl oder übel barfuß weiter.
Keinen Plan, wo der Bus geparkt hatte, lief ich die Straße entlang. Kein Plan was die anderen machten. Kein Plan wann sie kamen. Kein Plan wo ich war.

Ich abenteuerdurstiger Idiot, verdammt!

Abnormal, durchgeknallt und irre. Kurz gesagt: Mad.

Ich.

Mit den Flipflops in der Hand, setzte ich mich in ein Restaurant und trank noch ein Bier, obwohl ich hacke dicht war.

Meine Lehre daraus: Mehr geht anscheinend immer. Und ich will immer mehr.

Ich meine, schließlich könnte ja mein Glück auf dem Boden dieser Flasche sein. Wer kann das Gegenteil behaupten, ohne es probiert zu haben? Ich jedenfalls nicht.

Mit einer Gruppe Vietnamesen schrie ich von Tisch zu Tisch, weil sie 1. auf einem anderen Tisch saßen, 2. keiner von uns Lust hatte aufzustehen und 3. der Fernseher laut dröhnend ein Fußballspiel übertrug.
Ihr rudimentäres Englisch aber war zu wenig, um sich einem mehr als angetrunkenen Nicht-Angelsachsen mitzuteilen. Also ließ ich sie ziehen und war mit meinen Gedanken wieder alleine.

Ich blickte die Straße hinunter. Leuchtende Schilder mit der Aufschrift „Hotel“ an modernen Glasfassaden versuchten sich gegenseitig zu überstrahlen. Kurzerhand entschloss ich, mit der unrüttelbaren Überzeugung eines Trunkenbolds den Masterplan im Kopf zu haben, eines dieser Hotels aufzusuchen und dort eine Nacht zu verbringen.

Auf das Morgen kann geschissen werden. Jetzt kam erstmal das heute dran.

Wie ich am nächsten Tag zurück nach Hoi An kommen sollte, wäre nicht mein Problem. Heute Nacht zumindest nicht. Und das war mir genug.

Ich torkelte in eine goldene Lobby eines dieser großen, luxuriösen Hotels, die typisch waren für Da Nang, der Metropole der neureichen Vietnamesen, und fragte nach einem Zimmer. Mein Anblick in diesem Ambiente musste lächerlich gewesen sein und der Preis war ein schlechter Witz. Ab 700.000 Dong und aufwärts für eine Nacht. Das war mehr als ich umrechnen konnte. Way too much!

Ich versuchte noch zu feilschen, aber da ging nichts mehr.

Angepisst torkelte ich raus und betrat eine andere Lobby. Und sogleich noch eine und wohl so weiter (- die Erinnerung davon ist fort).

Irgendwann saß ich hinter einem Typen auf einem Moped in Richtung Hoi An. Ich rief ihm zu wie lange es denn dauere zu DK’s Place zu fahren, doch die Worte verloren sich im Wind.
Ich zündete mir eine Zigarette an und lachte siegesvoll das irre Lachen eines enthusiastischen Säufers.
Wooh hooh, schrie ich in den Fahrtwind und amüsierte mich mit dem Gedanken, diese kranke Story den anderen im Hostel, insbesondere Knut und Tom, zu erzählen.

Die Fahrt war aber doch zu lange für den kurzzeitigen manischen Schub meinerseits und so nickte ich ein. Meine Flipflops mussten dabei von meinem Schoß gerutscht sein, denn sie waren fort. Ich aber war noch hinter dem Fahrer, als ich erwachte – wie kann es anders sein, fühlte ich mich doch so verdammt jugendlich: unbesiegbar und unverwundbar.

Ich gab dem Driver seine geforderten 120.000 Dong, dankte ihm innig und ging ins Hostel. Dort informierte man mich, dass ich einige Minuten früher da war als der Bus (!). Ich holte mir das offerierte Gratis-Wasser und ging dann auf das Roof Top hinauf, wo Phill eine Art Aussichtsplattform erbaut hatte.

Ich zündete mir eine Zigarette an und hauchte den Rauch in den Himmel, blickte über Hoi An und genoss die Ruhe.
Die Stadt leuchtete spärlich. Hie und da ein Lichtlein, das am Bauch der klaren schwarzen Nacht züngelte. Matt reflektierende Ziegeldächer wechselten sich, ihrer täglichen Farbe beraubt, in verschiedenen Blaunuancen ab. Palmen streckten sich schemenhaft in den Himmel, ein leichter Wind strich mir über das Gesicht und die Sterne funkelten mich mit einem verheißungsvollen Knistern in den präsenten Moment, ins Jetzt und das Leben, das mich umgab. Alles war ruhig. Traumverhangen. Nachtentschwunden. Märchenhaft.

Zufrieden lächelte ich in mich hinein, schlang die Arme um meinen Körper und dankte mir selbst und dem Es, das mich stets umgibt und mich atmen lässt, dass ich nach so einer ereignisreichen Nacht heil wieder angekommen war – zwar mit kaputten Flip Flops aber dafür mit einer schönen Erinnerung im Gepäck.

In Anbetracht der beschwingenden Stille rekapitulierte ich noch einmal den Pubcrawl und grinste, weil ich kurzerhand aus der Situation heraus einige Verse gedichtet hatte. Was für ein herrlicher Abschluss!

Über der nächtlichen Stadt still stehend,
wachend, lachend, triumphierend schwebend.
Losgelöst und doch voll da,
mit Rauch und Alkohol dem Glück ganz nah.

 

Weltenstürmer Mad

 

Titelbild: Quốc Nghị Phan

 

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