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El Nido - kein Sommernachtstraum

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Jul 24, 2015 Geschichten, Selbstfindung 2 Kommentare

Hier will ich mein Lager aufschlagen. Will wieder schreiben, will Sätze formen, will der Sprache huldigen.

Diese Zeilen waren das erste, was ich mir notiert hatte, als ich die Bucht von El Nido (das Nest) zum ersten Mal sah.

El Nido, eine kleine Fischerstadt, weit oben im Norden der Insel Palawan, die mir nach den Erfahrungen in Manila umso besser gefiel. Eben ein abgeschnittener, verschlafener Ort, mit träumerischem Inselflair, der dank der Abwesenheit von Überfüllung und Hektik erfrischt, und zu gefallen weiß mit südländischem Charme und Gelassenheit.

Als ich ankam, da wusste ich nicht, wie lange ich bleiben sollte, ist es doch immer so, dass ich was tun möchte. Unternehmungen, Action, irgendwas halt um nicht meine Zeit mit Faulenzen zu verschwenden. Aber nach Manila war es irgendwie anders.

Ich hatte keinen Grund zu gehen.

Kein Reiz war gegeben um dieses Paradies zu verlassen und so plante ich schon bis ans Ende meines Phlippinen-Trips in El Nido zu bleiben und dem entspannenden Nichtstun zu frönen.

Und je mehr ich mich eingewöhnte, desto mehr trieben die Wellen meine mich dauernd begleitenden Zweifel fort und ich war mir sicher, dass ich mich hier wieder lebendig fühlen würde. Ich musste mir nur Zeit geben und chillen und der Ruhe dieses Ortes in mir Einlass gewähren. Das Meer meine Sorgen forttragen lassen und die Seeluft atmen, so wie damals in Kambodscha. Gelassenheit finden und die Akkus neu laden.

Ich hatte keine weiteren Pläne nach El Nido und konnte mir vorstellen zumindest einige Tage genau dort in dieser Bucht zu bleiben.

Bucht in El Nido bei Tag, Palawan

Und sollte ich überhaupt von dort fort, sollte ich eine Bucht weiter ziehen oder nahegelegene Inseln erkunden? Sollte ich zurück in die Hauptstadt von Palawan, um dann in den größten unterirdischen Fluss zu schippern, Touristenpfade bewandern und immer wieder diese mittlerweile doch ziemlich ausgelutschten Tagestouren unternehmen?

Ich glaubte nicht, denn es war so gemütlich dort am Strand. Die sanfte Meeresbrise strich mir durchs Haar und ich konnte nach langer Zeit wieder schreiben. Untertags war kaum ein Boot in der Bucht und am Abend konnte man im Fackelschein den Strand entlang spazieren, sich in ein Restaurant setzen und zu einem Red Horse Beer mit Fremden über das Leben quatschen. Und dann in der Reggae-Bar den Tag mit ein paar Cocktails und neugewonnenen Bekanntschaften beenden.

Ich freute mich nach all den Strapazen endlich angekommen zu sein, besser gesagt, mich endlich während dieser Reise angekommen zu fühlen. An einem Ort, der mich glücklich machte und inspirierte.

Und dieser Ort war an diesem Strand von El Nido, meinem kleinen Paradies in den Philippinen.

Aber bevor ich diese Zeilen als Loblied auf eben dieses wunderbare El Nido posten konnte, kam dann alles ganz anders.

Die Ruhe sollte mir entgleiten.

Beklommenheit sollte mich zerfressen, zusammen mit Hass und Wut und Hilflosigkeit.

Und ich sollte aus dem Paradies flüchten, getrieben von der Angst mir könnte im nächsten dunklen Winkel dieses überschaubaren Ortes jemand aufwarten, um es zu Ende zu bringen, was er angefangen hat.

Aber beginnen wir von vorn.

Am zweiten Tag nach meiner Ankunft lernte ich zwei coole Deutsche kennen, mit denen ich fortan abhing. Abends gingen wir in die Reggae-Bar, eine bunt ausgeleuchtete Hütte direkt am Strand, und bald stand fest, da steppt der Bär.

Wir hatten Spaß, lernten andere Touristen kennen und eine süße Londonerin verzauberte mich mit ihrem breiten South-London-Accent und ihren kirschroten Lippen.

Bezirzende Südländerinnen tänzelten um uns und relaxte Filipinos und hackedichte Backpacker prosteten uns zu. Wir lachten, scherzten und feierten ausgiebig die Sternstunden durch, prassten gar mit Geld und Witz und Heiterkeit – und dem überschäumenden Lachen unseres steigenden Alkpegels, das sich mit der Musik mischte und uns näher zur Glückseligkeit trug.

Glaubte ich zumindest und somit reichte es aus.

Das ging einige Male so, bis die Nacht kam, als sich alles änderte.

Einen Tag bevor ich das Umland erkunden wollte und sechs Tage nach meiner Ankunft, trat ich um ca. 3:00 Uhr morgens aus der Reggae-Bar.

Ich war allein, weil die beiden Deutschen sich den ganzen Tag nicht blicken ließen und die anderen Saufgefährten zu partywütig waren, als dass sie mitten in der Nacht abhauen wollten.

Ich hatte nicht mehr viel Geld dabei, aber wollte noch etwas Wasser kaufen gehen, um am nächsten Tag für die Tour zu den umliegenden Inseln gerüstet zu sein. Also watete ich den Strand entlang und bog in die nächste Gasse ab, die mich zu all den Läden in der Einkaufspassage führen sollte.

Drei Filipinos standen dort an den Hauswänden gelehnt, schienen zu warten und zu plauschen.

Ich ging am ersten vorbei, blickte ihn kaum an und sagte kein Wort, und als ich schon dem nächsten Typen ausstellen wollte, passierte es.

Der Filipino hinter mir sagte etwas auf Tagalog und ich wendete mich um zu ihm, da ich glaubte, dass diese Worte an mich gerichtet waren.

Aber falsch gedacht. Es blitzte und die Welt verschwand.

Und ehe ich fassen konnte, was geschah, schlug der Typ weiter auf mich ein. Ich drehte ihm den Rücken zu, wehrte so gut es ging ab, doch dann kam schon der nächste mit ausholender Faust und ich musste meine Arme an mich pressen, um Kopf und Rumpf zu schützen.

Mehrere Schläge donnerten auf meinen Schädel, ich drohte zu stürzen, torkelte.

Wild droschen sie auf mich ein, brüllten und quiekten.

Ich hingengen war aller Worte beraubt. Schrie immer wieder nur „Why?! Why?! Why?!“

Ein Chaos aus Gliedmaßen, Schreie, Gelächter und kein Plan was ich machen sollte zwangen mir den Gedanken auf:

Wo ist der Dritte? Schlägt er auch schon auf mich ein?

Dann ein Ellenbogen voll in den Rücken.

Ich sackte an die Hauswand.

Panik überkam mich.

Was wenn ich zu Boden ginge?

Überzeugt, dass sie mich krankenhausreif oder gar zu Tode treten würden, ließ ich von meiner Deckung ab, schlug um mich und kickte einen der Täter irgendwie zur Seite.

Dann rannte ich. In die Einkaufsstraße von El Nido hinein.

Erst nach mehr als hundert Metern blieb ich stehen.

Alles war still und dunkel. Alle Läden hatten geschlossen, keine Menschenseele war auf den Straßen. Ich drehte mich um. Wartete. Aber keiner kam und keiner war mehr zu hören.

Der erste Schlag hatte mich genau am linken Auge erwischt, sodass ich damit nicht mehr richtig sehen konnte. Völlig verwirrt, erzählte ich einem Typen im nächsten Resort, was geschehen war. Er beschwichtigte mich und schickte mich zum Strand hinaus, wodurch ich zu meiner Hütte kam.

Ich lief nervös um mich blickend den Pfad am Strand entlang und dann in mein Zimmer, verbarrikadierte die Tür mit allem, was ich fand und legte mich schlafen.

Erst am nächsten Morgen bemerkte ich, dass ich das Shirt, das ich getragen hatte nicht mit nach Hause brachte. Mir fiel ein, es während der Rangelei am Boden gesehen zu haben.

Und noch immer weiß ich nicht, ob der letzte Filipino, der auf mich losging, ein Messer zog und es durchtrennte. Wie es von mir gerissen wurde, habe ich nicht bemerkt.

Und noch immer frage ich mich, warum sie es taten und was wohl passiert wäre, wenn ich zu Boden gegangen wäre.

Aber darüber nachzudenken ist sinnlos, denn ich weiß es nicht und werde es auch nie wissen.

Ich weiß nur, dass es in den Philippinen nicht sicher ist, alleine zu reisen, dass es gefährlich ist, nachts alleine durch die Straßen zu ziehen, dass ein blonder, blauäugiger Junge nach Sonnenuntergang alleine nichts zu suchen hat auf den Straßen von El Nido oder auf den Straßen an jedem anderen Ort in den Philippinen. Auch weiß ich aus Gesprächen mit Einheimischen, dass es nicht selten geschieht, dass ein Tourist in den Philippinen niedergeschlagen oder überfallen wird, insbesondere jener, der aussieht als ob er taff und draufgängerisch wäre, genau wie ich.

Am nächsten Morgen schälte ich mich aus den Laken.

Ich ging ins Bad und betrachtete mich im Spiegel. Die letzte Nacht flammte wieder vor mir auf. Fäuste gingen auf mich nieder und es blitze, als es Schläge hagelte. Für kurze Zeit war die Welt verschwunden, ich wieder mitten drin in der Prügelei. Ein Schauer lief mir den Rücken hinab. Der Kopf dröhnte und mein linkes Auge war aufgeschwollen und das rauschende Blut darin pulsierte spürbar.

Ich kontrollierte fix meine Dokumente und tastete mich vorsichtshalber ab.

Nichts abhandengekommen, nichts gebrochen, keine Schnittverletzungen und kaum Blut.

Zwar ein paar Kratzer und blaue Flecken und über dem linken Ohr pochte ein dumpfer Schmerz. Aber ich war mir sicher, ich bin glimpflich davongekommen.

Und zum Glück bin ich davongekommen.

Zum Glück bin ich aufgewacht und war noch am Leben.

Und zum Glück war da diese enge Gasse, in der mich die Hauswände stützten.

Wie gut alles ausgegangen war, wie gut, dass mir nichts fehlte. Und wie krass es doch ist, wie schnell es eigentlich zu Ende sein könnte. Wie verwundbar man ist und wie lebendig und verletzlich ich doch die ganze Zeit war!

Da war nun der Reiz, der mir gefehlt hat. Jetzt hatte ich meinen Grund.

Mein Leben, meine Unversehrtheit, meine Lebendigkeit.

Und während ich so im Bad stand und im Spiegel mein Veilchen betrachtete, da wusste ich, es war Zeit zu packen und abzuhauen.

Es war Zeit das Paradies zu verlassen. So schnell wie nur möglich. So lange ich noch am Leben war.

Weltenstürmer Mad

 




Bilder: Allan Soul
Reah Mondares

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Kommentare

  • Julia
    Okt 7, 2015 at 12:00 Antworten

    Hey Mad, habe die letzten 5 Monate auf den Philippinen verbracht, es jedoch nicht nach Palawan geschafft. Umso mehr habe ich mich über einen Bericht von dir gefreut, der mich dann sehr geschockt hat! Wie schön, dass es dir gut geht. Körperlich zumindest.
    Da merkt man, wie schnell man in gefährtliche Situationen gerät. Unter Kontrolle haben wir das Leben schon lange nicht mehr.
    Pass auf dich auf, Jule

    1. Weltenstürmer Mad
      Okt 12, 2015 at 13:05 Antworten

      Hey Julia,

      schon recht krass gewesen, muss ich gestehen, aber what doesn’t kill you makes you stronger oder so 🙂 Und wir wissen jetzt, dass ein paar schläge mich nicht abhalten können zu reisen. Der Hunger nach der Welt ist ungebrochen 😉
      Mein zweites Glück nach dieser Begegnung.

      Liebe Grüße,
      Mad

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