Weil du selbst der Schlüssel bist!

Du und die Schönheit des schillernden Lebens

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Feb 26, 2015 Geschichten, Selbstfindung , , 4 Kommentare

Ich denk noch manchmal an dich, so wie du da gesessen hast, den Rücken schnurgerade und den Kopf leicht erhoben, auf diesem ausgewaschenen Teppich in einem der unzähligen Tempel in Chiang Mai.
An dich, mit deinem glänzend schwarzem Haar, das dir in sanften Wellen bis auf die Brüste floss. An dich, mit deinen funkelnden Mandelaugen, die hinter den pink-schwarz gerahmten Hornbrillen diese abenteuerliche Neugier ausstrahlten.
Wie du dich mit dem lustigen Mönch unterhalten hast, bevor es losgegangen ist. In sehr gutem Englisch, wie wenn du aus Amerika gekommen wärst.

Als ich den Tempel betrat, warst du schon da.

Ein unscheinbares Mädchen, das man gerne übersehen hätte im chaotischen Wirrwarr auf den Straßen einer Großstadt.

Du warst alleine da, das wusste ich. Wolltest etwas erleben, neue Kulturen und die Welt kennenlernen. So wie ich.

Schweigsam habe ich dem Gespräch zwischen dem Mönch und dir gelauscht. Du kämst aus irgendeiner Stadt im fernen Japan, hast du gesagt. Da wollte ich schon lange mal hin, habe ich gedacht. Wieso nicht mit dir?

Du hast dem Mönch Löcher über das Leben in den Bauch gefragt und ich musste schmunzeln dabei. Denn wir waren an den gleichen Dingen interessiert. Waren beide Suchende, getrieben von dieser einen brennenden Begierde, das Leben in seiner schier ungreifbaren Vollkommenheit erfassen zu wollen. Waren beide im westlichen Denksystem gescheitert, wollten nun auf anderen Pfaden wandern, wollten endlich die lang ersehnten Antworten erhalten.

Antworten, die uns zufriedenstellen, die uns erfüllen, die unsere verborgene Schönheit offenlegen.

Du und ich könnten zusammen nach diesen Antworten suchen. Könnten die faszinierendsten Dinge dabei erleben, die Welt bereisen, sie kennenlernen und von Jahrtausende altem Wissen zehren. Du und ich. Gemeinsam.

Und dann ist eine Holländerin den Tempel hereingestampft und hat sich einen Stuhl geangelt, ihn wirsch zu uns gestellt und sich darauf gesetzt. Beinschmerzen habe sie, hat sie gesagt und schulterzuckend gelächelt. Ich habe sie nicht weiter beachtet, warst doch du hier, die uns alle überstrahlte.

Da saßen wir also. Der Mönch, du, die Holländerin, ein Hund und ich.

Die unverglasten Fenster des Tempels ließen mit zwei Deckenventilatoren die Luft zirkulieren und während uns die warme Mittagsbrise Chiang Mais um die Nasen wehte, haben wir versucht nichts zu denken und wie Buddha vor hunderten von Jahren die Erleuchtung zu erreichen.

Nach fünf Minuten unbequemem Stillsitzen und bloßem Beobachten des Geistes, erzählte uns der Mönch einige Anekdoten über seine unzähligen Reisen in den Westen und unsere doch recht makabren Sonderheiten. Dann schwenkte er über auf die Wichtigkeit der Achtsamkeit und redete vom Klosterleben und der dort praktizierten Vipassana-Meditation.

Auf das Atmen sollen wir uns konzentrieren, hat er uns dann gesagt und mit den Worten „Stillsitzen, und auch wenn es schmerzt, nicht bewegen“ eine 30-minütige Vipassana-Praxis eingeleitet.

Ich habe die Augen geschlossen und versucht mich nach innen zu wenden und meinem Atem zu lauschen. Habe mich auf das Auf und Ab meines Bauches fokussiert und doch bloß die Welt und ihr geschäftiges Treiben gehört, das von außerhalb des Tempelgeländes zu uns drang. Tuk-Tuks und Motorroller, Thais und Touristen.

So gut es ging, habe ich die Gesamtheit der Geräuschkulisse erfasst, bis sich das Rauschen des Verkehrs mit dem Wind mischte und wie der warme Brodem eines Drachens sanft über mich hinfortbrandete.

Mit Mühe habe ich einige Minuten geschafft, ohne zu sehr abzuschweifen, um dann von irgendeinem Hupen oder Geschrei oder unangenehmen Zittern irgendwelcher Muskeln in mir aus der Versenkung gerissen zu werden.

Dann habe ich die Augen geöffnet und dich gesehen, wie du in elegante Ruhe gehüllt dicht neben mir saßest.

Dich schien all das nicht zu stören, die Geräusche der Außenwelt, das wilde Treiben auf den Straßen. Und auch die gewöhnungsbedürftige Körperhaltung sah an dir ganz einfach aus: im Halben Lotus Sitz saßest du da – leicht und schwerelos. Beeindruckend.

Irgendwann und irgendwie bin auch ich dem nähergekommen, was wohl innere Ruhe sein mag – nichts mehr mit aufgewühltem Monkeymind, ein Geist, der von einem Gedanken zum anderen springt.

Sanft wurden wir aus der Meditation geholt, als die Worte des Mönchs in unser Bewusstsein sickerten.

Ich habe dich verdattert angelächelt, war noch nicht wieder angekommen bei meinem Außen-Ich. Ein breites Smile stand auch dir zu Gesichte, entzückt entrückt und warmherzig.

Der Mönch murmelte noch einige Weisheiten, um uns dann mit der Aufforderung, uns jeden Tag mindestens zehn Minuten lang in Meditation zu üben, wieder in das wirre Treiben der mir wohlbekannten Welt zu entlassen.

Wir standen auf, streckten und reckten uns und schlenderten in Richtung Tempelausgang.

Du gingst zuerst und ich hinterher, habe dich ansprechen wollen und fragen, ob du Lust hast ein Bier zu trinken, in der Hoffnung auf mehr.

Doch zwischen all den Leuten trieb es dich in die Ferne, hinaus in die Welt. Und ich habe abgedreht, bin dorthin, wo ich herkam.

Und nun, etwas mehr als ein Jahr nach dieser Reise, sitze ich hier Zuhause auf einem alten Teppich und versuche die Buddhanatur zu erreichen.

Doch das einzige, woran ich denken kann, bist du.

Du, mit deinen wachen Mandelaugen, gerahmt von pink-schwarzen Hornbrillen.

Du, mit deinem dichten schwarzen Haar, das dir in sanften Wellen bis auf die Brüste floss.

Du, mit all den Fragen über das Leben, die in dir brannten und nach Antworten lechzten.

Du, wie du mit schnurgeradem Rücken auf dem ausgewaschenen Teppich des Tempels saßest und einfach nur schön warst.

Schön warst für mich – und ich vermute auch für dich – und für jeden, der sich die Zeit nimmt hinzusehen, ein wenig tiefer als sonst.

Ein wenig tiefer, als man es im geschäftigen Treiben unseres Alltags zu machen pflegt. Aber lediglich so tief, dass man die wahre Schönheit nur erahnen kann, die in dir steckt, und die ich so gerne entdecken wollte dort in Chiang Mai und dann an jedem anderen Ort auf der Welt.

Ich hab nichts anderes gewollt als bei dir sein, einfach solange, bis ich genug geübt hätte, um sie vollkommen erkennen zu können, die grenzenlose Schönheit des schillernden Lebens in dir – und wer weiß vielleicht dann auch ein kleines Bisschen davon in mir.

Weltenstürmer Mad

 

 

 

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Kommentare

  • _luis
    Mai 16, 2015 at 1:23 Antworten

    Hi Mad,

    Sehr schöne Geschichte. Ich mag voll deinen Schreibstil! Was ist aus ihr geworden?
    Letztes Jahr war ich auch in Chiang Mai und auch mich hat die buddhistische Kultur angezogen. Hast du über den 10 Tage Vipassana Kurs gehört? Wenn du es noch nicht gemacht hast, solltest du es unbedingt machen. Als Geschichtenfreund magst du vielleicht folgende Geschichte lesen: http://mylifeexperiment.com/10-tage-im-exil/

    Mach weiter so – bis der Roman kommt! 🙂

    _luis

    1. Weltenstürmer Mad
      Mai 16, 2015 at 11:14 Antworten

      Hey _luis,

      danke für dein Commie und vielen Dank für dein Lob! Freut mich sehr, dass du meinen Schreibsil magst!
      Davon gehört habe ich, auch gelesen (u.a. hier), aber mich dazu durchringen das zu machen scheiterte bisher immer. Zu gering scheint der Nutzen, zu kostbar die Zeit. Ich respektiere dich sehr dafür, dass du es bis zum Ende geschafft hast! Und auch, dass du (laut deinem Text) zu dir und zum inneren Frieden gefunden hast, sei dir mehr als gegönnt. Habe letztlich erst Andreas Altmanns Triffst du Buddha, töte ihn! gelesen und ich muss eingestehen, mir ergeht es wie ihm, das sind Höllenqualen, kaum auszuhalten, wenn überhaupt, muss ich doch immer daran denken, dass schon alleine zehn Minuten Meditation am Tag zu viel für mich sind und ich schon mehrmals bloß daran scheiterte. Das große Aber daran ist, dass ich es insgeheim doch auf meiner Buket List habe und mir immer klarer wird, dass es wohl von unglaublicher Weißheit und Weitsicht (von Disziplin nicht zu reden!) zeugt, wenn man sich einmal 10 Tage dafür entscheident. Hut ab, allemal!

      Liebe Grüße von den Philippinen,
      Mad

      PS: Der Roman ist in Arbeit, wenn auch schleppend und stockend 😀 Ach, und was aus ihr – du meinst wohl das Mädchen in der Geschichte – geworden ist, das weiß ich nicht. Bin aber bald in Tokio und will es rausfinden. Ein Mammutsprojekt, habe ich doch keinerlei Kontaktdaten, bloß die Erinnnerung! 😉

  • Lizy
    Jun 23, 2015 at 14:14 Antworten

    Hi Mad,

    eine sehr einfühlsame und berührende Geschichte hast du da komponiert. Wie mein Vorredner finde auch ich deinen Schreibstil klasse!
    Habe schon deinen gesamten Blog durch und jetzt würde ich gerne mehr von dir lesen. Wo bist du gerade? Was hast du erlebt? Und vor allem: Wann kommt die nächste Geschichte? 😉

    Liebe Grüße,
    Lizy

    1. Weltenstürmer Mad
      Jun 24, 2015 at 14:12 Antworten

      Hallo Lizy,

      schön, dass du dich meldest, das freut mich immer sehr, wenn ich ein Commie bekomme und dann noch sooo ein liebes… Danke dir <3

      Zu deinen Fragen: Ich bin wieder Zuhause und recht fleißig am Schreiben. Hi und da gibt es noch einige Unstimmigkeiten bei der folgenden Geschichte, aber sie steht im Großen und Ganzen, dürfte also in diesen Tagen online gehen.
      Erlebt habe ich viel, mal hässliches, mal herzberührendes, das wirst du aber bestimmt alles lesen können 😉 Schon bald, I swear! Will nur das Niveau halten und das erfordert die ein oder andere Stunde am Tag, die ich aktuell kaum habe.

      Aber keine Sorge, ich bin noch da und am Schaffen bin ich auch 🙂

      Liebe Grüße,
      Mad

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