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Die Empfindsamkeit der Glühwürmchen

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Aug 20, 2015 Geschichten, Inspiration, Selbstfindung 2 Kommentare

Ich hatte die Philippinen schon abgeschrieben, hatte sie verflucht, hatten sie mir doch alles andere als einen schönen, erholsamen Urlaub geschenkt. Aber als Schreiberling habe ich eine Schwäche für Happy Ends, suche danach und finde sie meist, wie auch dieses eine Mal in Puerto Princesa, der Hauptstadt der Insel Palawan.

Wir waren zu sechst: vier Filipinos, ein Franco-Kanadier und ich. Es war bereits 19:00 Uhr und bald ging es los.
Wartend standen wir am Anleger und redeten. Dann stiegen drei von den Filipinos in ein Boot und der sich darauf befindende Gondoliere stakte sie in die Dunkelheit.

Einige Minuten später war dann der Rest von uns dran und ich kletterte in das mit Auslegern stabilisierte Kanu.

In nahezu völliger Dunkelheit glitten wir über das Wasser.

Es war ein ruhiger, leiser Fluss, der still dahintrieb, wohin, das weiß ich nicht genau.

Ich saß vorne und hatte uneingeschränkten Blick auf den Flussverlauf und die anderen Boote, die vor uns waren.

Wir fuhren nah ans gegenüberliegende Ufer und dann an einer Gabelung einen schmäleren Strom hinunter.

Die zwei hinter mir unterhielten sich mit dem Bootsmann, während ich alles um mich beobachtete. Er sei Ranger, meinte dieser und leuchtete mit einem Laser auf die Bäume am Ufer. Zeigte uns Scharen an Glühwürmchen und erzählte uns über ihre Empfindsamkeit gegenüber der voranschreitenden Naturverschmutzung und dass sie zur gegenseitigen Verständigung Lichtsignale sendeten.

„Je heller sie leuchten, desto besser geht’s ihnen“, hat er gesagt und gelacht.

Dann richtete er seinen Laserpointer in den Himmel, zeigte uns die Sternkonstellationen und nannte uns ihre Namen. Er war ein ausgebildeter Sternenleser, betäuerte er und zeigte uns Alpha Centauri, den Polarstern, Jupiter.

Bald schon tummelten sich in den dichter werdenden Mangrovenbäumen unzählige Glühwürmchen und blinkten im Einklang wie auf sonderbare Weiße ferngesteuert.

Hier konnten sie leben, leuchten, strahlen.

Denn hier war die Natur noch unberührt, wurde geschützt und gehegt.

Zufällig musterte ich das Wasser unmittelbar neben den Anlegern und erkannte, dass es hier und da mal schimmerte. Sogleich erinnerte ich mich an die Nacht in Koh Rong, schob meine Arme über den Bootsrand und ruderte im lauwarmen Wasser den brillierenden Plankton auf. Die beiden hinter mir machen es nach und unser stakender Ranger erklärte uns dieses doch magisch wirkende Phänomen.

Je weiter wir den Fluss hinunterglitten, desto heller strahlten die Sterne.

Millionen und Abermillionen Gestirne und dazwischen Glimmer, ein heller blasser Streifen.

Ja, ich konnte sie sehen: die Milchstraße und sie spannte sich über uns wie ein lebendiges Dach aus, im unendlichen Äther dahinschwebenden Glühwürmchen.

Gelassenheit legte sich wie eine wärmende Decke über mich.

Ich wollte nicht mehr reden oder denken oder irgendwas in Erfahrung bringen.

Also saß ich bloß da und staunte.

Ich war vollkommen ruhig. Beobachtete, lauschte.

Jetzt waren auch die anderen für einen Augenblick verstummt und ich hörte die Stille: Das monotone Platschen der Ausleger unseres Bootes. Das Zirpen der Zikaden.

Und dann die Sterne über mir.

Noch nie hatte ich so dermaßen viele Sterne gesehen, noch nie war ich von etwas so eingenommen, so erfüllt.

Ich schwöre, für einige Augenblicke hielt die Welt ihren Atem an und ich hörte das Knistern der Sterne.

Einige Sternschnuppen sausten herunter, einen gelben Schweif hinter sich herziehend, jede einen Wunsch in sich tragend, jede ein verglühender Stern.

Die unzähligen Gestirne, sie leuchteten und schimmerten und je länger ich hochblickte, desto mehr fühlte ich ihre Energie. Sie kroch in mich und Dankbarkeit überschwemmte mich, Demut gegenüber der Größe dieser Kräfte.

Mit Gänsehaut stierte ich zu ihnen hinauf, driftete komplett ab in den Himmel und war noch nie so wahrhaftig da.

Den fallenden Sternen flüsterte ich meine Wünsche zu, hauchte sie wie Liebesbotschaften hoch in den Himmel.

Nirgendwo anders wollte ich jetzt sein.

War in mich gekehrt und fühlte das Leben pulsieren. In der Dunkelheit auf dem Fluss gleitend, mit fluoreszierendem Plankton unter und unendlich vielen Sterne über mir.

Auf einmal war alles unbedeutend, all die Qualen, all die Miseren. Es zählte nur der Moment, dass ich hier war. Auf der Stelle hätte ich sterben können. War versöhnt, war dankbar, war glücklich.

Die Anderen begannen wieder zu reden,

doch deren Sätze erreichten mich nicht mehr, sondern rieselten wie Musik an mir vorbei. Denn in mir war kein Platz mehr für ihre Worte oder meine Gedanken oder für irgendwelche Reflexionen. Ich war komplett gefüllt mit der überwältigenden Faszination darüber, was mich umgab.

Und für einige Minuten war auch es verschwunden,

jenes Gefühl, das mich überall hin begleitet, das Gefühl der Ziellosigkeit, der unbestimmten Sehnsucht, des Da-muss-doch-noch-mehr-sein-verdammt!

Eben jene drängende Not, dass da etwas fehlt.

Dass ich nicht voll im Jetzt stehe, sondern irgendwo dazwischen, nie ganz dabei bin, immer etwas abseits des Spielfelds wo doch das Leben stattfindet, mit all seinen Wundern.

Und vielleicht musste es so kommen,

vielleicht musste ich durch all die Scheiße waten, um das Funkeln um mich herum überhaupt erst zu erkennen. Vielleicht musste ich in Verzweiflung und Wut ersaufen, musste mit dem Gefühl dastehen, dass mit meinem zarten Alter die Spitze schon überschritten war und nun alles vor die Wand läuft.

Aber diese Intensität, diese völlige Faszination über die unerschöpfliche Schönheit der Welt(en) sickerte in mich und ich schwöre, noch nie in meinem Leben war ich so berauscht von etwas; ich war geflowt und gegrowndet und wunschlos glücklich, während ich gewissermaßen durch die schimmernde Fülle des Universum glitt.

Und heute leuchten sie noch wie damals, und ich weiß nun, wenn ich rastlos und getrieben von meiner unbekannten Sehnsucht wieder einmal in den wolkenverhangenen Himmel blicke, dass da etwas über mir ist. Auch wenn man es nicht sieht.

Die Sterne, sie waren da. Sind immer da.

Und das Leben glänzt. So sehr, dass es uns meist blendet – Gedanken, die mich beruhigen und mich glauben lassen, dass es auch für mich noch Hoffnung gibt. Ich muss mich nur zurückerinnern und an diese Nacht in Puerto denken und an den strahlenden philippinischen Sternenhimmel.

Denn dort ist etwas mit mir passiert.

Etwas Wunderbares, etwas noch nie Dagewesenes.

Und ich schwöre dir, in dieser Nacht hat mich die Magie des Lebens berührt.

Ich war glücklich, war empfindsam wie ein Glühwürmchen: habe gelebt, geleuchtet, gestrahlt.

Und bin mit einem schillernden Stern in mir hochgerauscht in den Himmel, für einen kurzen Moment.

Für immer.

Für meine ganz eigene kleine Ewigkeit lang.

Weltenstürmer Mad

 

 

 

Bild: Luis Argerich modifiziert

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Kommentare

  • Norah
    Okt 13, 2015 at 23:50 Antworten

    Hi Mad,

    diese Momente, in denen man seine Umgebung nicht mehr wahrnimmt, alles verschwimmt, man an nichts mehr denkt, die erlebe ich immer mal wieder. Vor allem auf Reisen, wenn ich etwas Vollkommenes erlebe, genau wie du in diesem Bericht. Manchmal aber auch im Kino nach einem guten Film, wenn ich alleine sitzen bleibe bis die Kinoarbeiter den ganzen Saal geputzt haben. Oder manchmal, wenn ich ein gutes Buch zuschlage.

    Obwohl ich diese Momente gut kenne, habe ich sie noch nie in Worte gefasst. Ich finde, es ist dir wirklich gut gelungen! Ich mag deinen ehrlichen, persönlichen Schreibstil! Es ist schön zu sehen, dass ich nicht die Einzige bin, die viel reflektiert, sich manchmal den Kopf zerbricht, Gedanken über Gedanken. Ich möchte dir nun nicht unterstellen, dass du so bist, dafür kenne ich dich zu wenig (eigentlich ja gar nicht…), aber es macht auf mich den Anschein 🙂

    Gerne lese ich weiterhin deine Texte.

    LG Norah

    1. Weltenstürmer Mad
      Okt 16, 2015 at 10:52 Antworten

      Hi Norah,

      danke dir! Freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat. Das wahr wirklich ein unvergessliches Erlebnis. Wie du schreibst, erfahre auch ich diese Momente vor allem auf Reisen und genau diese Momente sind es, die einen lebendig machen.
      Ja, da liegst du schon richtig bei deiner Einschätzung. Und auch ich finde es sehr schön, dass ich nicht der einzige bin mit so einem wirren Monkeymind 🙂
      Habe bereits seit längerem einen Text rumliegen, der genau davon handelt: Ein Geist voller Gedanken. Vielleicht stelle ich ihn bald online.

      Liebe Grüße,
      Mad

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