Weil du selbst der Schlüssel bist!

Der Sternenwanderer

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Okt 8, 2014 Geschichten, Inspiration , 0 Kommentare

Die Sonne hängt orange über den fernen Baumwipfeln, während draußen im Feld die Grillen zirpen.
Nur noch wenige Minuten, denkt sich der Greis und so etwas wie ein Grinsen schleicht sich in sein Gesicht. Ein mit Wehmut gezeichnetes Grinsen, dünn und halbherzig und doch auf seine eigenartige Weise ein erwartendes Lächeln.

Sonnenuntergang hinter Kornfeld

Wie immer sitzt er auf seiner Veranda und schaut sich den Sonnenuntergang an. Doch nicht dessen Magie ist es, die ihn lächeln lässt, sondern vielmehr die einbrechende Nacht, die sich langsam, aber stetig in den Himmel drängt.
Ruhig greift er zu der vor ihm stehenden Flasche. Genehmigt sich ein Glas Rum und zündet sich eine Zigarette an.

Er wartet, wartet schon lange hier.

Wartet bis die Schwärze der Nacht alles schluckt, sodass nichts mehr hier zu sein scheint und die Sicht auf das da oben freigegeben wird.
Mühsam rappelte er sich hoch und öffnet die Tasche, die am Verandageländer lehnt. Eine ausfahrbare Röhre und drei Beine kommen zum Vorschein – ein Fernrohr, abgegriffen und alt, doch immer noch voll funktionsfähig.
Im fahlen Licht der Dämmerung sitzt der Alte hinter dem Teleskop und nippt ruhig am Glas. Er lächelt sein sonderbares Lächeln, da die Nacht wolkenlose Klarheit verspricht.
Bald hängt eine elfenbeinweiße Sichel am Bauch der Nacht und leuchtet kalt und hart in des Greises Gesicht. Die graue Haut wirkt dünn und brüchig und ist mit Flecken übersät. Um seine Augen spannt sich ein dichtes Netz aus Falten und die Zeit hat tiefe Furchen in seine Stirn gegraben, doch da ist etwas in seinen Augen, das dem Fluss der Zeit zu strotzen vermochte, ein eigenartiger Glanz, mondlichtfarben und funkelnd im sonst so schalem Grau seiner Iris.
Mühsam rappelt er sich auf die Stuhlkante und lehnt sich zum Okular, wissend, dass er jetzt, einem Fenster gleich, das bei Tag milchig trüb und bei Nacht klar erscheint, da hinaus blicken kann.

Hinaus zu tausenden Sonnensystemen, zu fantastische Welten in fernen Zeiten.

Das Fernrohr schwenkend und mit geschickter Hand die Drehknöpfe bedienend blickt er hoch. Hoch in die Nacht, hoch in die Endlosigkeit, zu Myriaden funkelnden Sternen, die ihm greifbar nah erscheinen.
Einen Bogen beschreibend fährt er langsam den Himmel ab. Die Himmelskörper strahlen ihm in allen erdenklichen Farben entgegen: Sonnen brennen orange und rot und in gelbem Schein; sanftes Blau, Grün und Violett wandernder Planeten malen dem Alten die Gesichtszüge weich.
Berauscht von Zigarettenrauch, Rum und der Schönheit des Kosmos ziehen die Stunden wie Minuten an ihm vorbei, während sich die Zigarettenfiler auf der Veranda verteilen und die Flasche Rum an Inhalt verliert.

Aschenbecher mit Zigarettenstümmeln

Vollkommen im Rausch der geheimnisvollen Vielfalt der Gestirne, wandert der Alte am Himmel entlang. Sehnt sich da hoch, nach oben, in doch so greifbare Nähen.
Bilder von Abenteuern in geheimnisvollen Welten leuchten vor seinen Augen.

Vielleicht könnte er da oben fliegen, sich in endlosen Weiten verlieren und die süße Frucht der Freiheit kosten. Vielleicht könnte er sich da oben ein Königreich erbauen, mit eigenem Schloss, voll mit Bediensteten und himmlischen Speisen.
Vielleicht könnte er gar einen ganzen Planeten für sich alleine haben, könnte kompromisslos jenes Leben leben das er sich erträumte, könnte sich in Abenteuern stürzen, viel besser als jeder Film. Könnte endlich leben.

Geschichten über Geschichten mit den verrücktesten Wendungen und Enden hat er sich schon ausgedacht, während er so  in den Sternen wanderte.

Jede Nacht, wenn er zu berauscht ist, um noch klar sehen zu können, versucht er danach zu greifen, zu den Sternen im Himmel.

Nie kommt er hoch, doch kann er davon träumen.

Und so träumt er sich jede Nacht da hoch, hoch in endlose Weiten, zu Sternen, Planeten, Abenteuern.

Er ist der Sternenwanderer, der sich mit wehmütigem Gefühl im Herzen zu den Sternen träumt.

Oh, wie schön das wäre, nie zurückkommen zu müssen! Denn da oben fühlt er sich wohl, ist befreit von all den Probleme, die sich hier zu stapeln scheinen.
Es wäre eine Welt voller Leichtigkeit und Freunde, wo er nur alles Erdenkliche machen könnte, voll mit Wundern und Möglichkeiten, die ihm alle offenstünden.

Es wäre  eine Welt voll mit Träumen, die bloß darauf warten gelebt zu werden.

Vielleicht gäbe es da oben Antworten auf seine Fragen, anstatt wie hier, bloß immer mehr Fragwürdiges. Vielleicht könnte er da oben endlich „angekommen“ sein, könnte glücklich sein. Ja, vielleicht könnte er da oben so nahe am Leben sein, dass es ihn endlich erfüllt und es endlich (wieder) zu einem herzlichen Lachen reicht.
Vielleicht könnte er endlich besonders sein, könnte einzigartig und interessant sein.

Ja, das alles könnte er vielleicht sein und erleben. Da oben in den Sternen.

Und mit schwerem Herzen schaut der Greis in den Himmel, jede Nacht, und jede Nacht wieder. Er wird älter und älter, Tag für Tag und auch sein wehmütiges Lächeln schwindet irgendwann, und weicht schmerzvoll erhärteten Gesichtszügen, bar jeder freudigen Gefühlsregung.

Sein Herz wird mit jedem Tag schwerer, sein Körper müder und gebrechlicher.

Doch er trinkt und raucht und schaut – wie es sein Ritual fordert – Nacht um Nacht hoch zu Orten voller Möglichkeiten, zu Welten voller Geschichten, schaut hoch zu den Sternen, ohne je zu merken, dass er selbst auf einem ist.

 

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