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Schicht im Schacht - Eine Geschichte vom Treten auf der Stelle

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Sep 4, 2014 Geschichten, Inspiration , , , 0 Kommentare

Jeden Tag aufs Neue rapple ich mich hoch, um immer wieder das gleiche zu tun:

Ich tappe auf der Stelle.

Immer und immer wieder, so lange bis der Boden unter mir weggeschürft ist und sich eine Mulde gebildet hat.

Ich trete weiter, trete rein in den Alltag und dauernd trete ich weiter.

Tage vergehen, Monate und Jahre.

Und bald schon ist da ein Loch, das ich mir durch meine strenge Routine erarbeitet habe. Und mache ich nichts dagegen, geht es mit mir immer tiefer und tiefer rein in ein Loch. Rein in ein vorhersehbares Leben, rein in einen grauen Alltag; in die Endlosroutine.

Ich schaue mich um, alles ist dunkel und staubverhangen. Vor mir zieht sich eine Wand weit hoch, hinter mir und neben mir ebenfalls. Ich bin ausgelaugt, habe ich doch so lange auf derselben Stelle getreten – wobei ich das gar nicht wollte.
Ich blicke hoch, das Loch ist tief. Ich aber bin zu müde um hinaus zu klettern und womöglich auch zu lange schon am Treten, um es schaffen zu können.

Und was möge wohl da oben auf mich warten?

Ich weiß es nicht mehr…

„Trete weiter“, sagt mir eine vertraute Stimme im Kopf. „Das kannst du gut. Sieh doch, wie weit du schon gekommen bist.“

„Ja“, denke ich und muss widerwillig zustimmen, während ich mein Lager bereite und mich hinlege. „Du hast Recht, ich habe hier viel erreicht.“

„Und wie du das hast“, bestätigt mir die Stimme. „Und das alles kannst du doch nicht aufgeben und hinaus ins Unbekannte stürmen.“

Ich nicke mental, denn körperlich kann ich nicht mehr. Mir fallen die Augen zu, bin mehr als erledigt von der harten Arbeitsschicht.

Wie jeden Tag, seitdem ich nicht mehr in die Weiten dieser Welt hinaus sehe, träume ich von da oben. Von Sonnenschein und Abenteuern. Von Leichtigkeit und Spass.

Doch dieses Mal ist es anders.

Ich gehe, ich gehe voran.

Ich beschreite einen Weg. Meinen Weg.

Und dabei lache ich fröhlich, während mein seltsam gefederter Gang mich dauernd weiter vorwärts trägt, hinein in den Sonnenaufgang und zu Abenteuern und einem abwechslungsreichen Leben. Alles fühlt sich leicht an, fast als ob ich schweben würde.

Aber plötzlich dreht sich die Perspektive. Meine Sicht schwenkt einer Kamera gleich in einer großen Spirale nach oben. Ich blicke auf mich hinunter und erschrecke.

Ich gehe nicht. Ich trete.

Immer wieder trete ich auf derselben Stelle. Fest und verbissen, gar nicht federnd leicht, als ob schwebend.

Wie ferngesteuert scharre ich ein Loch in den Boden, stampfe und trete. Mein Blick ist dabei geradeaus gerichtet und ich da unten, werde allmählich von einer Staubwolke verschluckt.

Schweißgebadet wache ich auf. Mein Herz schlägt wie wild und sein Pochen hallt von den Wänden wider.

Es ist schummrig und dunkel in meinem Loch.

Der Morgen erreicht mich nicht, hat er schon lange nicht mehr.

Jeder Tag ist gleich; ist grau und verstaubt. Und würde ich nachts nicht dank der harten Arbeit fest und tief schlafen, wäre auch sie nicht von meinen Tagen zu unterscheiden.

Denn es ist immer Nacht hier unten – aber nicht eine dieser klaren Nächte, an denen man die ganzen Sternenbilder über sich vorbeiziehen sieht, sondern vielmehr eine verschwommene, staubverhangen und tief graue Ewignacht, die mir immer wieder dieselbe Fratze zeigt.

Mit langem Seufzer sinke ich auf mein Lager zurück und denke nochmal an den Traum.

Was ist bloß passiert mit mir?

Ich wollte nicht auf der Stelle treten, und erst recht nicht in einer wohlroutinierten Endlosschicht landen.

Ich wollte einen Weg beschreiten,

wollte meinen Weg gehen. Hinaus aus dem Trott und hinein in ein abwechslungsreiches Leben,

wollte Welten stürmen und durch Abenteuer laufen.

Ich wollte leben und die Welt erkunden.

Und hier wollte ich bloß alles vorbereiten und dann sicheren Schrittes losmarschieren.

Stattdessen bin ich hängen geblieben, bin eingesunken in die gemütlichen Vertrautheiten der Routine.

Ich habe mich in endlosen Selbstgesprächen allmählich geschickt selbst manipuliert und in hitzigen Diskussionen von anderen manipulieren lassen.

Und dann bin ich in einem Loch gelandet, aus dem ich nicht mehr rauskomme.

Die Wände verschwimmen vor meinem Blick. Ich weine und spüre, wie sich die Tränen auf meinen verstaubten Wangen ihre Pfade graben.

„Mach weiter, mehr hast du nicht“, sagt mir die wohl bekannte Stimme im Kopf. „Es ist nicht so schlimm, wie es sich anfühlst und du weißt doch, anderen geht es viel schlechter als dir.“

Die Stimme hat recht, denke ich mir. Anderen geht es viel schlechter als mir. Und verdammt, ich kann mich glücklich schätzen hier, in meinem Loch!

Und wie so oft, rapple ich mich hoch und beginne wieder weiter zu trotten. Nur bloß etwas niedergeschlagener und müder und antriebsloser.

Und während ich so auf der Stelle trete, hoffe ich, dass ich irgendwann da angekommen sein werde, wo mich diese Stimme in meinem Kopf hinleitet.

Denn lange packe ich das nicht mehr und wär‘ doch verdammt schade, wenn das alles hier umsonst gewesen ist und wenn es dann von einem Moment auf den anderen heißt:

Schicht im Schacht, für immer Nacht.

Weltenstürmer Mad

 

 

 

 

Bild: Garrett Charles

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