Weil du selbst der Schlüssel bist!

Als ich glaubte mein Leben wäre überfahren worden und was ich daraus lernte

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Okt 29, 2014 Geschichten, Selbstfindung , 2 Kommentare

Es war ein Samstagnachmittag, die Sonne schien am wolkenlosen Himmel und ich wollte, wie so oft im Sommer, zu meiner Schwester fahren, um dort mit meiner Familie das Wochenende zu verbringen.

Alles gepackt und zusammengestellt, war ich bereit zu starten.

Endlich mal wieder raus aus dem Büro, endlich in die Natur und dann:

Chillen, auf dem sonnengefluteten Rasen,

Lesen, in der Hängematte,

und vielleicht, wenn Bock drauf, irgendwas schreiben.

Ein Mitarbeiter stellte mir die Sachen zum Wagen. Wäsche und meine Notebooktasche mit Nexus 7, externer Festplatte, meinem Laptop, Deo, Zahnbürste und Unterwäsche darin.

Auf dem Weg zum Parkplatz, drückte er mir den Fahrzeugschlüssel in die Hand und ich war so gut wie weg.

Etwas in den Stress gekommen und mit der Absicht so schnell wie möglich fortzufahren, passierte es.

Alles ging so schnell. Alles passte nahtlos zusammen.

Ich rannte vorne ums Fahrzeug, drehte die Musik auf und fuhr recht schnell rückwärts.

Wir waren gerade dabei unseren Kundenparkplatz zu unterkellern und einige Schläuche, die das Grundwasser in den nächsten Abfluss schaffen sollten, schlängelten sich genau am Fahrzeugstellplatz entlang, sodass man auch mal darüber fuhr.

Es holperte und dann ging nichts mehr.

Wie in einer Schneemulde steckend, kam ich nicht vom Fleck.

Sind nur die vielen Wasserschläuche, die sich verfangen haben und wie so oft zum darüberfahren zwingen, dachte ich mir und gab getrost weiter Gas.

Aber das Auto fuhr nicht an.

Mit dem Gedanken, die Schläuche aus dem Radkasten zerren zu müssen, stieg ich aus.
Als ich nach recht langer Zeit das graue Bündel dort, verkeilt unter dem Reifen und im Radkasten, identifiziert hatte, traf mich schier der Schlag.

Eine Welle aus Fassungslosigkeit, Frust und Wut brandete über mich hinweg und lies mich nur hilflos fluchend zurück.

Ich stieg in den Wagen, hackte den Vorwärtsgang rein und trat wie wild aufs Gas – natürlich rauschte ich ein weiteres Mal mit dem Hinterrad darüber, aber das sollte keinen Unterschied mehr machen.

Und da lag es dann, mein Leben.

Schmutzig, abgewetzt, verbeult und zerdrückt. Und überfahren von mir selbst.

Und daneben lag die Wäsche, getrübt und sandig und um die gesamte Front des Wagens verteilt.

Angepisst warf ich alles in den Kofferraum und fuhr los, hinein ins sonnige Wochenende. Wütend, genervt und einfach Scheiße gelaunt.
Und ich dachte:

Das Leben meint es wiedermal verdammt gut mit mir!

Alle meine Gedanken drehten sich um die Daten, die ich auf den Geräten gespeichert hatte. Privates und Business. Von Notizen zu Schreibideen bis hin zu fertigen Geschichten, von Umsatzauswertungen bis hin zu all dem Grafikkram für unseren Onlineshop – Jahre waren da drauf und wären einfach so, von einem Moment auf den andern – PUFF, hinfort. Zerquetscht von fucking tausenden rollender Kilos.

Ich bin ruiniert, dachte ich. Was sollte ich noch machen, am Montag im Büro? Was sollte ich noch machen mit meinem Blog? Bevor es losging, wäre es schon zu Ende. Na super Leben, danke, echt!

Während der Fahrt beruhigte ich mich allmählich.

Und am Wochenende meditierte ich.

Anstatt ein eBook zu lesen oder einen Text zu bearbeiten, beobachtete ich die Wolken, die Vögel und all das Leben, das mich umgab.
Ich kam mal wieder richtig zur Ruhe und dann sank ich tief in mich ein und dachte zurück an das peinliche Malheur.

So viele Faktoren hatten zusammen gespielt… so viel, was anders laufen hätte können und sollen und irgendwie auch müssen.

Doch auf sonderbare Weise kam dieses Ergebnis zustande; exakt diese Abfolge von Dingen manifestierte sich, sodass all das so passierte, wie es eben geschah.

Und das einzige, was ich daran noch ändern konnte war meine Einstellung dazu.

Und das tat ich dann auch.

Zuerst war ich noch wütend und sträubte mich dagegen, aber irgendwann, da war es irgendwie okay für mich. Und dann sogar mehr als das.

Denn ich erkannte, dass ich durch dieses eine Ereignis, jenem Ziel ein Stückchen näher kommen könnte, das ich schon länger erreichen möchte. Nämlich eine gelassene Lebenseinstellung.

Mit bewusstem Atmen, eine Technik, die ich letztes Jahr in Chiang Mai von einer Schamanin mitbekommen hatte, versuchte ich mich zu beruhigen. Anfangs ging es mäßig, dann aber immer besser und letztendlich ruhte ich so tief in mir, dass ich aus gesunder Distanz die Sache betrachten konnte.

Und eigentlich war es nicht so schlimm, wie anfangs gedacht. Ich lebte ja noch und mir selbst fehlte ja nichts, was ich zum Leben bräuchte.

Es ist schon erschreckend, wie schnell man zu Dingen einen persönlichen Bezug aufgebaut.

Und da war der Hund begraben: Ich habe mich selbst in den Dingen verloren.

Buddhisten sagen, das Leben ist der beste Lehrer.

Und vielleicht stimmt das auch. Ja, vielleicht, wenn wir offen sind und bleiben; wenn wir uns durch Zorn, Hass und Traurigkeit nicht vor dem Leben verschließen, ja, dann glaube ich, kann das durchaus zutreffen.
An diesem Wochenende bedankte ich mich dann sogar seit sehr langer Zeit wieder einmal beim Leben, hatte es mir doch mit seinen Mitteln einmal mehr die Augen geöffnet.

Und dieses eine „Danke“ war eines von denen, die von tief drinnen kommen und welche dir, während du sie im Geiste sprichst, einen sanften Schauer über den Rücken schicken und dich mit tiefer Demut erfüllen.

Demut gegenüber der Größe des Lebens und seinen sonderbaren Lehrmitteln.

Zurück Zuhause begutachtete ich dann den Schaden: Deo explodiert – alles weiß. Das Festplattengehäuse aufgebrochen und gesplittert: die Festplatte unbrauchbar. Das Display des Tablets kaputt und das Einschalten davon nicht mehr möglich.

Festplatte und Tablet kaputt

Das Notebook jedoch ratterte beim Start (Yey!). Der Screen war zwar schwarz, da gesprungen und ausgelaufen, aber immerhin funktionierte es noch.

Was für ein Glück! Ja, was für ein Glück!

Und es kommt noch besser, denn diese Zeilen, die du gerade liest, tippe ich auf mein, im warsten Sinne des Wortes, gerädertes Notebook ein.

Zwar ist es langsam und hängt aufs Derbste und damit ich überhaupt etwas sehen kann, ist das Bild auf einen externen Monitor übertragen, aber es funktioniert.

Einigermaßen jedenfalls, denn die Tastatur ist noch dazu mit Zucker verklebt und die Tasten bleiben bei jedem Anschlag stecken oder bewegen sich wie auf Kaugummi – kurz danach habe ich versehentlich Saft darüber geschüttet. Shit happens, denke ich mir und lächle.

Laptop kaputt

Die Daten der Festplatte habe ich fast vollständig retten können. Durch – nennen wir es – eine glückliche Fügung, hatte ich sie kurz vorher gespiegelt.
Bloß die Notizen und Markierungen interessanter Textstellen in dutzenden von eBooks im Tablet sind fort.

Und während ich gerade diese Zeilen hacke (weil die Tastatur echt klebt wie Sau), werde ich getragen von einem beruhigenden Gefühl und der Zuversicht, dass mein Leben sich gewissermaßen selbst regelt, ich bloß darauf achten muss die Zeichen richtig zu deuten, nicht zu viel und nicht zu wenig hineinzuinterpretieren und vor allem gelassen zu bleiben.

Denn ich glaube nun zu wissen, was die wirklich erfolgreichen und glücklichen Menschen dieser Welt ausmacht:

Sie können jederzeit gelassen bleiben. Und mögen neben ihnen Häuser explodieren, Züge entgleisen und Wälder niederbrennen.

Sie haben ein dermaßen großes Grundvertrauen in die Unfehlbarkeit des Lebens, sodass sie alles hinnehmen, was passiert, da dies doch das einzig richtige sein kann, weil es passiert.

Und deshalb lässt sie nichts, was von außen auf sie einwirkt, aus der Rolle fallen.
Alles lässt sie unberührt – es sein denn, sie lassen es zu.

Sie meistern souverän jede erdenkliche Situation.

Und möge etwas schrecklich Unvorhersehbares passieren, möge ihr Reichtum über Nacht fort und möge ihr Leben vor ihren Augen überfahren worden sein.
Egal, was. Egal ob es ihnen wichtig ist oder mal war, ob es ihr vermeidlich geglaubtes Leben ist, das da den Bach runter geht oder ob es eine der großen „Tragödien“ unserer Gesellschaft ist.

Sie berührt es nicht, denn sie wissen was kommt.
Und was da kommt, ist ihrer Ansicht nur das Richtige. Das Richtige oder nichts.

Und als ich das erkannt habe, war mir klar: Da will ich hin.

Und so sitze ich jetzt alleine in der Lobby des Hostels in Hanoi und versuche das Leben mit den Augen eines völlig gelassenen Menschen zu betrachten und dabei sage ich mir:

Das Leben ist der beste Lehrer.

Und irgendwann sehe ich es.

Ich sehe wie leichtfüßig und unbeschwert das Leben sein könnte, wenn nur mehr Vertrauen da wäre.

Ich sehe wie schön es wäre, ohne all die einschränkenden Ansichten und Vorstellungen.

Ich sehe wie befreiend es sich anfühlen könnte, sich einfach mal in ihm treiben zu lassen, dem Leben.

Und ich frage mich…

warum wir uns so oft darüber aufregen, warum wir dagegen aufbegehren und warum wir dem Leben so oft den Kampf ansagen.

Ich meine, es will doch nur das beste für uns, auch dann, wenn wir es nicht erkennen.

Und es macht es ja trotzdem, das Leben, auch dann, wenn wir uns dagegen stemmen.

Wir könnten es viel leichter haben, mit dem Leben.

Wir müssten es einfach nur mal machen lassen und akzeptieren, was geschieht und dann einfach mal lächeln.

Lächeln darüber, welche sonderbaren Geschichten doch das Leben schreibt und uns zu lehren versucht – würden wir nur nicht immer unsere engstirnigen Erwartungen und unsere festgefahrenen Vorstellungen von Gut und Böse und Schlecht und Recht darüber stülpen, in der dümmlichen Anmaßung es irgendwie schon besser wissen zu können als das Leben selbst.

Weltenstürmer Mad

 

 

 

 

Bild: Pauline Mak

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Kommentare

  • Neele (Cornelia)
    Okt 30, 2014 at 9:51 Antworten

    Hi Mad! Du sprichst mir aus der Seele! Hatte gestern auch so ein Erlebnis, wo ich dachte: Toll, jetzt hat sich wieder einmal die ganze Welt gegen mich und meinen Terminplan verschworen. Gehetzt, genervt und noch erschöpfter als zuvor schon, habe ich dann versucht, mich zusammenzureißen und die Geschehnisse aus einer anderen Perspektive zu sehen. Schwierig, aber deutlich empfehlenswerter für das körperliche und Seelenheil 😉 Danke für den schönen Post!

    1. Weltenstürmer Mad
      Okt 31, 2014 at 13:11 Antworten

      Hey Neele,

      danke dir fürs Kommentar! Freut mich, dass es dir gefallen hat und dass ich nicht der einzige bin, dem sowas passiert 🙂 Hier in Vietnam wurde ich auch schon über den Tisch gezogen, aber das kommt vor, denke ich mir und was nützt es mir mich aufzuregen.
      Buddhisten sagen, wenn man sich aufregt, dann ist es, wie Gift essen und hoffen, dass der andere stirbt. Das bringt es wirklich auf den Punkt 😉

      Cheers und einen schönen Tag wünsche ich dir,
      Mad

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